Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (118-B76_1)

von Hugo Schuchardt

an Graziadio Isaia Ascoli

Graz

14. 07. 1894

language Deutsch

Schlagwörter: Baskische Studien Revue de linguistique et de philologie comparée Grazer Tagblattlanguage Baskischlanguage Berberischlanguage Arabischlanguage Slowenisch Mussafia, Adolf Giacomino, Claudio Schulenburg, Albrecht von der Gabelentz, Hans Georg Conon von der Vinson, Julien Leskien, August Wien Mailand Malta Gabelentz, Georg von der (1894) Vinson, Julien (1894) Schuchardt, Hugo (1894) Schuchardt, Hugo (1894) Lehner, Johannes (1980) Topolovsek, Johan (1894) Schuchardt, Hugo (1894)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (118-B76_1). Graz, 14. 07. 1894. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1262, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1262.


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Graz 14 Juli 94

Verehrtester Freund,

Als ich Ende Mai in Wien mit Mussafia von Ihnen sprach, sagte er mir, er hätte seit langer Zeit keine Nachricht von Ihnen erlangen können, nur von Andern habe er gehört, Sie seien leidend. Von Herzen freue ich mich nun dass das vorbei ist.

Die "belle laghiste" haben mich von einem Besuche Mailands nicht abgehalten; ich war in der entzückenden Villa Serbelloni ganz allein.|2|

Giacominos neue Arbeit über das Baskische werde ich mit grösstem Interesse lesen und unparteilich beurtheilen. Bemerken Sie wohl dass ich ja nicht - wie das in andern Fällen vorkommt - in prinzipieller Weise von ihm abweiche, sondern nur schärferer methodische Behandlung wünsche. Graf Schulenburg, der Neffe von v. d. Gabelentz, hat schon vor geraumer Zeit ankündigen lassen dass aus dessen Nachlass ein Buch über Baskisch und Berberisch erscheinen wird. 1Julien Vinson hat über meine Baskischen Studien I in der Revue de linguistique zwar in sehr schmeichelhafter, aber doch unzulänglicher Weise gesprochen;2 er der das Baskische so gut kennt, hätte genug zu berichtigen und zu ergänzen bei mir finden können, was aber |3| die Passitivät des Transitivums und die Identität -i- der Bezugsformen mit dem -i- des Dativs (mit andern Worten: die sog. Allocativformen enthalten einen Dativus ethicus) anlangt so scheinen mir diese beiden Dinge durchaus festzustehen. Vinsons Widerspruch berührt zum Theil die wichtigsten Punkte dabei gar nicht. Ich habe eine Antikritik für Gröbers Zeitschrift geschrieben.3*

Es wird mich sehr freuen wenn das Arabische von Malta endlich einmal von einer tüchtigen Kraft wissenschaftlich bearbeitet wird; ich habe nie an etwas Anderes gedacht als daran die romanischen Einflüsse in dieser Mundart festzustellen. Aber selbst darauf müsste ich für die nächste Zeit verzichten, da mir |4| so vieles Andere obliegt. Auch bin ich ja immer leidend. Nun habe ich zu den Nerven noch die Gicht dazu; man kann nicht einmal sagen: par nobile fratrum, denn sie paaren sich sehr schlecht.

Zum Ueberfluss haben mir die letzten Wochen mancherlei Aufregung gebracht; so die Korrespondenz mit den Redakteuren der Indog. Forsch., die wegen des Eingangs meines Festgrusses an Leskien4 sehr verstimmt waren - sie hatten mir eine Aufforderung zugeschickt und sie ist verlorengegangen! So der Kampf mit Wort und Feder für die italienische Sprache an unserer Universität5 - Sie würden sich wundern wenn Sie wüssten wer unter meinen Gegnern war, nein wer der leidenschaftliche Vorkämpfer derselben, der Agitator war!

Herzlichst grüssend

Ihr H. SCHUCHARDT

* Das Buch über das "Basko-Slawische" enthält nur Unsinn.6


1 Albrecht C. von der Schulenberg (Hrsg.): Die Verwandtschaft des Baskischen mit den Berbersprachen, nachgewiesen von Georg von der Gabelentz, Braunschweig, 1894.

2 Julien Vinson: Les théories nouvelles sur le verbe basque, in: Revue de linguistique et de philologie comparée 27 (1894), 95-110.

3 Hugo Schuchardt: Das baskische Zeitwort und Julien Vinson, in: ZRP 18 (1894), 532-538 (Brevier-/Archivnr. 281).

4 Hugo Schuchardt: An AUGUST LESKIEN zum 4. Juli 1894, Graz, 1894 (Brevier-/Archivnr. 278).

5 Vgl. dazu: Jürgen Lehner: Die Geschichte der Romanistik an der Universität Graz, Masch. Hausarbeit, Graz, 1980, 46 f.: "Schon zu Beginn seines Amtsantrittes [als außerordentlicher Professor der italienischen Sprache und Literatur] gab Ive Anlaß zu heftigen Diskussionen innerhalb der Fakultät. Er hatte nämlich erklärt, daß er seine Vorlesungen in italienischer Sprache halten werde, was er auch ausführte. Angeheizt wurde dann die kritische Situation schließlich noch durch einen Artikel im Grazer Tagblatt vom 15. Juni 1894. Über diesen Artikel war vor allem Schuchardt sehr erbost, da er meinte, daß es eine ungeheuerliche Indiskretion bedeute, wenn interne Debatten der Fakultät [...] an die Öffentlichkeit getragen werden. - Das Professorenkollegium beschloß daher [...] die Einsetzung einer Kommission, die am 11. Juli 1894 ihren Bericht vorlegte. Dieser Bericht wurde mit einer Gegenstimme 'angenommen': Schuchardt meldete zu diesem Fall ein Separatvotum an [...]. Durch einen 'angeblichen Formalfehler' Schuchardts wurde aber sein Separatvotum vom Dekan zu einer 'nachträglichen Äußerung' degradiert, was Schuchardt zur Weißglut brachte. Er verzichtete daher dann auch auf die Einreichung seiner Meinung als 'nachträgliche Äußerung'. - Um [...] den internen Streit zu schlichten, wurde schließlich die Angelegenheit dem Ministerium vorgetragen und dieses um eine Entscheidung gebeten. - Das Ministerium holte seinerseits ein Gutachten ein, aus dem hervorging, daß die Aufregungen um die Vortragssprache von Ive nur aus Angst vor dem Slowenischen als Vortragssprache entstanden waren. - Mit einem Erlaß [...] 'bereinigte' das Ministerium schließlich diese Angelegenheit: 'Aus dem Ernennungsdekret geht nicht hervor, daß Dr. A. Ive verpflichtet ist, sich ausschließlich der deutschen Sprache zu bedienen. Es muß daher Dr. A. Ive überlassen werden, die Vorlesungen deutsch oder italienisch abzuhalten.' ". - Vgl. auch 119-B23_26.

6 Gemeint ist folgendes Werk: Johan Topolovsek: Die basko - slawische Spracheinheit 1, Wien, 1894. - Schuchardts vernichtende Kritik dazu erschien in: Archiv für slavische Philologie 16 (1894), 528 (Brevier-/Archivnr. 288).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca dell'Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana www.lincei.it. (Sig. B76_1)