Friedrich Hirth an Hugo Schuchardt (03-04754)
von Friedrich Hirth
an Hugo Schuchardt
17. 03. 1900
Deutsch
Schlagwörter: Fischfang Universitätsbibliothek Graz Schuchardt-Bibliothek Königlich Preußische Staatsbibliothek Berlin Hirth, Georg China München Gotha Dabry de Thiersant, Claude-Philibert (1872) Cordier, Henri (1878)
Zitiervorschlag: Friedrich Hirth an Hugo Schuchardt (03-04754). München, 17. 03. 1900. Hrsg. von Bernhard Hurch (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12598, abgerufen am 09. 10. 2026.
Leopoldstr. 59
München d. 17. März 1900.
Hochverehrter Herr Kollege!
Durch Influenza in meiner Korrespondenz stark in Rückstand gerathen komme ich erst jetzt dazu, Ihre Zeilen vom 28. ulto. zu beantworten.
Das Hauptwerk über Fischerei in China ist P. Dabry de Thiersant, La Pisciculture et la Pêche en Chine. Paris, Masson, 1872.1 Es kostet leider 40 frcs., sonst hätte ich es mir schon angeschafft, als kurz nach der Besitzergreifung von Kiau-tschóu2 vom Präsidenten des Deutschen Seefischerei-Vereins (Hannover, Eichstraße 2) die Aufforderung zur Beantwortung einige die chinesische Fischerei betreffende Anfragen an mich gerichtet wurde]n[.3 Derselbe theilte mir mit, dass das Werk auf der Kgl. Bibliothek in Berlin nicht vorhanden sei, dass er es jedoch für die Vereinsbibliothek in Hannover zu erwerben beabsichtige. Hier |2|in München ist es erst recht nicht aufzutreiben. Eine Reihe kleinerer Monographien finden sich in allen möglichen Zeitschriften zerstreut. Die Literatur ist zusammengestellt bei Cordier, Bibliotheca Sinica (Paris Leroux),4 Bd. I, p. 716f., und “Supplément” desselben Werkes, p. 1809 f.5 Damit haben Sie die gesammte Literatur bis 1895. Späteres würden Sie in Schermann’s Oriental. Bibliographie (Berlin, Reuther & Reichard) finden, die bis 1898 incl. vorliegt.6 Ich vermuthe, dass die wichtigsten Abbildungen der chines. Literatur bei D. de Thiersant mitgetheilt sind. Ich würde gern etwas darüber schreiben, bin aber von allen Seiten so sehr in Anspruch genommen, dass ich diesen guten Vorsatz mit hundert anderen ad Graecas calendas aufschieben muss.
Mein Bruder Georg lässt bestens grüssen; die lex Heinze7 macht ihm viel zu schaffen. Hoffentlich sehen wir Sie bald einmal in München. In Gotha bin ich seit Jahren nicht gewesen. Ich wäre längst glücklicher und friedlicher Bürger meiner Vaterstadt, wenn nicht meine Frau und Töchter sich mit Händen und Füssen dagegen sträubten.
Also auf baldiges Wiedersehen.
Mit landsmännischem Gruss
Ihr ergebener
Friedrich Hirth.
1 Dabry de Thiersant (1872). Das Exemplar aus dem Altbestand der Grazer UB stammt wohl aus Schuchardts Privatbibliothek.
2 Vom chinesischen Kaiserreich 1898 an Deutschland zwangsverpachtetes Gebiet an der chinesischen Ostküste (Hauptstdt Tsingtao - Quingdao), mit dem Ziel der Errichtung eines deutschen Flottenstützpunktes.
3 Dieser Hinweis wurde von Schuchardt durch einen dicken Rotstrich seitlich hervorgehoben.
4 Cordier, Henri (1878) Bibliotheca Sinica. Dictionnaire bibliographique des ouvrages relativs à l'Empire Chinois. Paris: Ernest Leroux.
5 Dieser Literaturhinweis wurde von Schuchardt durch einen dicken Rotstrich seitlich hervorgehoben.
6 Die Orientalische Bibliographie wurde zuerst 1887 von August Müller begründet und herausgegeben, dann von Ernst Wilhelm Adalbert Kuhn und von 1895-1926 von Lucian Scherman.
7 Ein umstrittener Gesetzesentwurf aus dem Jahre 1900, der eine Reihe von sog. moralischen Verschärfungen der Darstellung von sog. unsittlichen Handlungen, sowie die Einführung des Straftatbestandes von Pornographie, Kuppelei und Zuhälterei beinhaltete. Friedrich Hirths Bruder Georg (mit dem Schuchardt ebenfalls korrespondiert hat- weiter zur Korrespondenz) war in der Tat, gemeinsam mit anderen Intellektuellen und Schriftstellern, in vorderster Front gegen diesen Entwurf aktiv.
