Friedrich Hirth an Hugo Schuchardt (02-04753)
von Friedrich Hirth
an Hugo Schuchardt
17. 12. 1888
Deutsch
Schlagwörter: Herrigs Archiv
Pidgins (Englisch)
Chinesisch (Mandarin) England Berlin Gotha Halle
Zitiervorschlag: Friedrich Hirth an Hugo Schuchardt (02-04753). Berlin, 17. 12. 1888. Hrsg. von Bernhard Hurch (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12597, abgerufen am 09. 10. 2026.
4. Magdeburger Platz,
Berlin, W., 17. Dec. 88.
Hochverehrter Herr Professor!
Seit Jahren habe ich mir schon Vorwürfe gemacht darüber, daß ich seiner Zeit Ihre Anfrage wegen Pidjin=Englisch nur halb beanwortet habe. Ich hatte thatsächlich einen längeren Artikel über diesen Gegenstand angefangen u. habe ihn hier liegen. Können Sie mir sagen, wer ihn eventuell druckt? Vielleicht Herrig’s Archiv?1
Mein Manuscript sieht zu schrecklich aus; wenn ich jedoch die Correktur lese, so würde ich Ihnen die Basis für Ihre Studien liefern können.
Was die sprachliche Vererbung bei den Chinesen betrifft, so sind darüber schwerlich specielle Beobachtungen gemacht worden. Daß Talente im |2| Allgemeinen so gut erblich sind wie bei uns, geht aus den Listen der erfolgreichen Candidaten bei den höheren Examen hervor, unter denen sich nachweislich oft Verwandte finden. (vgl. die Bemerkungen von Ch. Gardner, “Hereditary Genius in China”, China Review, Bd. II, S. 206). Als weltberühmtes Beispiel könnte man die Familie Ssù-ma citieren, die sich in der chinesischen Geschichtschreibung u. auch sonst literarisch Jahrhunderte hindurch hervorthaten. Da mit Ausnahme der am orientalischen Colleg (Ssù - i - kuan, S. meine Schrift "The Oriental College of China”) betriebenen Studien, fremde Sprachen nicht zu den Gegenständen der öffentlichen Examina gehörten, so wird sich schwerlich mit der Erblichkeit des Sprachsinns als Specialität etwas aufstellen lassen. Allenfalls könnte man unter der mandschurischen Bevölkerung u. den sogenannten [?]leuten fragen, da |3|diese seit 1644 Mandschurisch neben Chinesisch treiben. Die Erfahrungen der Missionäre dürften sich höchstens auf zwei Generationen beschränken. Doch würde ich immerhin mich an einige dieser Herren wenden. Herr Missionar Hubrig in Canton giebt Ihnen sicher gern Auskunft, wenn Sie sich auf mich berufen. Was er nicht aus eigner Erfahrung weiß, kann er durch seine Chinesen herausbekommen; vielleicht mit mehr Erfolg als mancher Andere, da er viel mit Hakka=Chinesen2 zu thun hat, die einen von Ur=Cantonesen oder Púnti3 nicht verstandenen Dialekt sprachen. Es wäre schon möglich, daß sich dabei Unterschiede bei gewissen Familien in Bezug auf die leichte Verständlichkeit herausgestellt haben. Unser Gothaer Chinese scheint kein großes Lumen zu sein, Sie können an ihm wohl am ersten den Typus “[…]” kennenlernen. Im Allgemeinen lernen die Chinesen recht gut fremde Sprachen, |4| wenn sie nicht schon zu weit in ihrer eigenen Literatur vorgeschritten sind. Kindern wird es sehr leicht. Unter Erwachsenen u. gebildeten Chinesen ist der frühere Gesandte in England, der Marquis von Tsêngein hervorragendes Beispiel.4
Kommen Sie nicht einmal nach Berlin? Ich kann Ihnen hier Chinesen jeden Calibers zeigen. Von Gotha aus haben Sie ja nur wenige Stunden Fahrt hierher und können sich obendrein zur Rückfahrt eines Rundreisebillets (Gotha - Halle - Berlin, Berlin - Nordhausen - Gotha) bedienen.
Hochachtungsvoll grüßend
der Ihrige
Friedrich Hirth
1 Siehe Fußnote zum letzten Brief.
2 Eine ursprüngliche aus dem Norden, heute aber im Süden Chinas, in S-O Asien und Taiwan ansässige chinesische Volksgruppe mit einigen Dutzend Millionen Sprechern.
3 Eine Cantonesische Selbstbezeichnung für native Kantonesen aus Guangdong und Guangxi.
4 1839-1890. Chinesischer Diplomat in London, Paris und St.Petersburg.
