Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (112-B11_7)

von Hugo Schuchardt

an Graziadio Isaia Ascoli

Graz

22. 10. 1892

language Deutsch

Schlagwörter: Baskische Studienlanguage Baskischlanguage Kaukasische Sprachenlanguage Uralische Sprachen Giacomino, Claudio Müller, Friedrich Müller, Friedrich (1887)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (112-B11_7). Graz, 22. 10. 1892. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1255, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1255.


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Graz 22 Okt. 92.

Hochverehrter Freund,

Ich habe nicht sofort verstanden worauf sich Ihre Worte in insolita forma beziehen; 1 dann bin ich darauf gekommen dass sie sich auf die Korrektur beziehen. Nun habe ich aber schon öfters meine Artikel an gelehrte Freunde, vielleicht auch an Sie in Korrektur gesandt: beim Céntralblatt war das sogar nicht anders möglich da ich keine Separatabzüge erhielt. Allerdings habe ich von dem in Frage stehenden Artikel Separatabzüge bestellt - und werde einen davon natürlich auch |2| an Prof. Giacomino senden; aber da ich die Korrektur in zwei Abzügen erhielt, so habe ich auch einen von diesen verwerthet und an wen hätte ich ihn eher schicken können als an Sie? Giacomino hat mir den Stoff zu meiner Anzeige geliefert; Sie aber haben die Form derselben beeinflusst. Sie haben mir ja weder vom Inhalt der G.'schen Arbeit (nur dass sie das Baskische betreffe) noch von Ihrer Ansicht über dieselbe etwas mitgetheilt; aber indem ich den Fall setzte dass diese eine mehr oder weniger günstige sei, habe ich mein Urtheil in die mildeste Form gekleidet. Was ich gegen G. zu sagen hatte, war für ein Verurtheilung vollauf genügend; ich habe mich geradezu bemüht irgend etwas Lobenswerthes in der Arbeit zu finden, aber umsonst. Das gesammte Werk mag besser sein; allein ich kann mir |3| nicht vorstellen wie es im Wesentlichen anders damit bestellt sei als mit der Probe, wie es methodisch sei da diese unmethodisch ist. G. scheint nicht einmal Kenntnis von der passiven Natur des bask. Transitivums zu haben über die er sich doch schon bei Fr. Müller hätte unterrichten können. 2

Sie werden mir hoffentlich nicht zutrauen dass in meine Auffassung der Dinge sich irgend ein persönliches Gefühl einmische, dass ich geneigt sei schärfer über G. zu urtheilen weil er mir - wie wir zu sagen pflegen - ins Geheg gekommen sei. Ich habe in der That befürchtet dass seine Arbeit sich auf gewisse Dinge bezöge denen auch meine besondern Bemühungen gelten; wäre er aber wirklich mir irgendwie zuvorgekommen, so würde das meine aufrichtige Anerkennung nicht im Geringsten behindert haben. Indessen er ist mir nicht "in's Geheg gekommen". Seit vielen Jahren allerdings hatte ich die Absicht die verschiedenen Ansichten über die verwandt- |4| schaftlichen Beziehungen des Baskischen (insbesondere zu den amerikanischen, der kaukasischen, der uralaltaischen und den hamitischen Sprachen) Revue passiren zu lassen und Theile einer solchen Abhandlung waren längst niedergeschrieben; aber ich hatte zu erkennen geglaubt dass es uns an wissenschaftlichen Mitteln gebräche die baskische und die hamitische Konjugation in Zusammenhang zu bringen, und die Wortähnlichkeiten boten mir kein genügendes Interesse. Meine baskischen Studien bewegen sich wesentlich in einer andern Richtung. Dass jene Abhandlung nicht vollendet und nicht veröffentlicht worden ist, daran trägt wie an so vielen ähnlichen Unterbleibungen meine Kränklichkeit schuld.

Ich hoffe dass dieser Vorfall Ihre mir unschätzbare Freundschaft nicht vermindern wird. Sie können nicht sagen ich hätte erst dem vollendeten Werke gegenübertreten sollen; denn Sie wissen wie viel misslicher das wäre - falls es von einer gewissen Autorität gedeckt sein wird. Ich habe mich da ich nun einmal doch einige Kenntnisse im Baskischen besitze, beeilt mich über Untersuchungen auszusprechen die alle Baskologen lebhaftest interessiren müssen; ich glaubte durch diese Eile vielleicht nützen, auf keinen Fall schaden zu können.

Mit besten Grüssen
Ihr ganz ergebener

HS.


1 Vgl. AS90.

2 Friedrich Müller: Grundriß der Sprachwissenschaft, Wien, 1876-85. - Vgl. v. a. 3. Band, 2. Abtheilung, 17-20.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca dell'Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana www.lincei.it. (Sig. B11_7)