Iwan Müller an Hugo Schuchardt (01-07586)

von Iwan Müller

an Hugo Schuchardt

Wunsiedel

1874

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Erlangenlanguage Französischlanguage Englischlanguage Altfranzösisch Erlangen

Zitiervorschlag: Iwan Müller an Hugo Schuchardt (01-07586). Wunsiedel, 1874. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12533, abgerufen am 12. 03. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12533.


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Wunsiedel im Fichtelgebirg 1874.

Hochverehrter Herr College!

An der Universität Erlangen soll vom nächsten Wintersemester an eine ordentliche Professur für neuere Sprachen, wozu die Mittel von der Staatsregierung und den Kammern endlich bewilligt worden sind, errichtet werden. Nach der Meinung unserer philosophischen Facultät würde die Hauptaufgabe des zu berufenden Professors darin zu bestehen haben, daß er über Französische und Englische Sprache wie Literatur Vorlesungen hielte und das wissenschaftliche Verständnis dieser Sprachen einschlösse. Nun ist es nicht leicht wahrscheinlich eine Kraft zu erhalten, welche in beiden Sprachen und Literaturen gleichmäßig zu Hause ist und mit gleichem Erfolg wissenschaftlich gearbeitet hat, daher wir uns auch mit einem Docenten zufrieden geben, der in dem einem Gebiete etwas tüchtiges geleistert hat und das andre doch auch |2| auf eine des Universitätslebens würdige Weise zu vertreten im Stande ist. Am liebsten wäre uns ein Docent, der im Altfranzösischen gute literarische Leistungen aufzuweisen hätte, aber zugleich das Neufranzösische in seiner Gewalt hätte und auch des Englischen so weit mächtig wäre, daß er Studierende darin fördern könnte. Sollten wir keinen solchen bekommen können so wäre uns natürlich auch einer willkommen, dessen Hauptstärke das Englische wäre, der aber auch das Französische entsprechend zu lesen vermöchte.

Sie würden, hochgeehrter Herr College, unsere Facultät und Universität zu großem Danke verpflichten, wenn Sie uns behilflich sein wollten geeignete Persönlichkeiten für den neuen Lehrstuhl in Vorschlag zu bringen. Bei der Auswahl möchten wir aber noch auf den Umstand aufmerksam machen, daß unsere Universität, weil sie eine kleine ist, nur solche Männer zu gewinnen sucht, mit welchen sich collegialisch gut ver- |3| kehren läßt, da das Gedeihen der kleineren Universitäten wesentlich von dem einträchtigen Zusammenleben der Lehrer bedingt ist.1

Ich bemerke noch, daß der Anfangsgehalt des neu zu berufenden Ordinarius 2000 fl beträgt, wozu sofort 350 fl Theuerungszulage kommen, zusammen also 2350 fl = 1343 Thlr ungefähr, und daß nach fünf Jahren eine Gehaltszulage von 200 fl = 115 Thlr ungefähr, und nach weiteren 5 Jahren immer eine von 100 fl erfolgt, endlich daß für die nächste Zeit die Gründung eines Seminars mit zureichenden Mitteln in Aussicht gestellt werden kann.

Wenn Sie in der Lage sind, geeignete Persönlichkeiten für die in Rede stehende Professur namhaft zu machen, dürfte ich Sie vielleicht bitten, mir Ihre Meinung kundzugeben? Bis 15. Sept. ist für diesen Fall meine Adresse NN bei Förster Herzer in Tröstau bei Wunsiedel (Bayern), v. 18. an erreichen die Briefe mich wieder in Erlangen.

Es zeichnet mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr

ergebener College

Dr. Iwan Müller ord. Prof. der Klass. Philologie in Erlangen


1 Berufen wurde Alfons Kissner (1844-1926), der aber schon 1878 nach Königsberg wechselte. Auf ihn folgte Hermann Varnhagen (1850-1923), der 1929 em wurde.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07586)