Adolf Bernhard Meyer an Hugo Schuchardt (02-07157)
an Hugo Schuchardt
20. 06. 1883
Deutsch
Schlagwörter:
Aymarasprachen
Quechua China Manila Ambon Humboldt, Wilhelm von (1820)
Zitiervorschlag: Adolf Bernhard Meyer an Hugo Schuchardt (02-07157). Dresden, 20. 06. 1883. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12461, abgerufen am 06. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12461.
Dresden 20/6 83
Lindengasse 66
Hochverehrter Herr College
Die Engländer nennen die Holothurien1 sea slug
die Holländer zee-egel
die Spanier balate (wie Sie wissen)
die Portugiesen bicho de mare
die Franzosen bêche de mer, nicht bêchelamer wie Sie schreiben Mehr weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Die Malayer, & daher alle Leute in Ostind. auch sagen
Tripang
& sie werden lediglich für die Chinesen gefischt welche sie sehr schätzen. Sie geben Schiffsladungen voll nach China.
Ich kenne zu wenig das Tagalische um Ihre Fragen beantworten zu können. Sie müssen deshalb wohl nach Manila schreiben. Die eine derselben hat mein ethnogr. Ass. Hr Dr Uhle2, ein Sinologe, versucht zu beantworten (s. Beilage).
|2|Von Kisser hörte ich nichts weiter. Schreiben Sie doch Herrn Riedel in Ambon3 deswegen.
Sehr gerne zu Ihren Diensten u. mit besten Grüßen
Ihr erg.
AB Meyer
Hochgeehrter Herr Professor
Bezüglich der Frage, wie taq: acó ang bahála (span. yo cuidado) grammatisch zu fassen, gebe ich mir die Ehre Ihnen mitzutheilen, daß man auf zweierlei Weise die drei Wörter vebinden kann entweder:
„ich, der ich ein Gegenstand der Sorge bin“ da ist ang bahála oppositiert zu aco gefaßt: „ego (qui sum) inquietudo (v. inquietudini)“, oder:
„ich bin die Sorge“; ein copulativer Ausdruck ist zu ergänzen, also: ego sum inquietudo, das sum ist supplirt. Dies kann nun heißen entweder: „ich bin die Sorge“ nämlich: der Gegenstand der Sorge, oder vielleicht doch eine rhetorische Einsetzung |4| der Sache (der Eigenschaft) für den Träger dieser Eigenschaft: „ich bin die ,personifizirte‘ Sorge“, ich bin mit Sorgen belastet. Diese letztere Auffassung möchte ich blos als möglich bezeichnen, wenn etwa „aco ang bahála“ wirklich in dem Sinne von „ich habe Sorgen“ vorkommen sollte. Auf dem letztbezeichneten Wege würde dieser Sinn wirklich herausspringen. Eine andere Weise aco ang bahala zu construiren sehe ich nicht. Den Vergleich von ang bahala mit einer Participialbildung durch Vorsetzung von ang vor die Verbalform möchte ich für ausgeschlossen halten. Der Gebrauch von Artikeln ist eine den malaiischen und polynesischen Sprachen gemeinsame Eigenthümlichkeit, und ang paßt ganz in den Rahmen dieser Erscheinungen hinein. Auch W. v. Humboldt im Kombiwerk4 faßt das ang so. Das Beispiel ang isang lintic überzeugt mich nicht vom Gegentheil. Ich erinnere an den auch bei uns vorkommenden ….5
1 Anderer Name für „Seegurken“ oder „Seewalzen“.
2 Max Uhle (1856-1944), deutscher Ethnograph; vgl. HSA 11903-11907. „Der Altamerikanist Max Uhle gilt als einer der Begründer der systematischen Archäologie in Südamerika. Schwerpunkt seiner Forschungen war der mittlere Andenraum. Ebenso stellte er Studien zu indianischen Sprachen (Aymara, Uru, Chipaya, Quechua u.a.) an“ ( wikipedia). [Dieser Eintrag unterschlägt, daß Uhle als Sinologe begonnen hatte und 1880 von Georg von der Gabelenz mit einer Arbeit über vorklassische chinesische Texte promoviert worden war.
3 Johann Gerard Friedrich Riedel (1832-1911), Sohn eines deutschen Missionars, später im Dienst der Briten im indischen Kolonialdienst; in HSA keine Korrespondenz mit ihm.
4 Humboldt, Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung. 1820
5 Die Fortsetzung des Briefs fehlt leider.
