Hermann Meurer an Hugo Schuchardt (06-07155)
von Hermann Meurer
an Hugo Schuchardt
15. 12. 1889
Deutsch
Schlagwörter: Anglia. Zeitschrift für englische Philologie. British Museum (London)
Deutsch
Latein
Italienisch
Baskisch Linschmann, Th. Graz Weimar Leipzig Gotha Florenz Bologna Rom Padua Paris Montauban Hamburg Lange, Johann Peter (1649) Mansi, Giovanni Domenico (1798)
Zitiervorschlag: Hermann Meurer an Hugo Schuchardt (06-07155). Weimar, 15. 12. 1889. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann und Bernhard Hurch (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12459, abgerufen am 09. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12459.
Weimar den 15/12 [1889]1
Geehrter Herr Professor!
Zunächst bedaure ich von Herzen, daß Sie, nicht vollständig hergestellt, nach Graz zurückgekehrt sind. Graz gilt doch wie unser Ilm Athen als sehr gesund u. daher als österreichische Pensiopolis. Hoffen wir daher das Beste. Das Leben ist schwer Vita haec nihil aliud est quam assidua militia et malitia. Diesen Satz, so erweitert durch malitia fand ich im Democritus ridens, Cöln 1649.2 S. 224 unter den Arlotti dicta quaedam, |2| Da ich gerade über das geflügelte Wort schrieb, suchte ich mir Arlotto zu verschaffen. Hier u. in Leipzig war kein Ex., auch Mansi3 nicht, der Auszüge bringen soll. Endlich bekam ich von Gotha die Facetie, Burle usw. (Sammelband 1590), aber die dicta waren nicht darin zu finden. Nun habe ich deswegen nach Florenz geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten.
Eine Abhandlung von mir ‚Zum Bacon-Shakespeare Mythus‘ ist in der Anglia erschienen. Bd. XII.4 Leider habe ich keine Abzüge zur Verfügung um Ihnen 1 Ex schenken zu können, ein Korrekturabzug aber steht Ihnen zur Verfügung. Während A W K Miller (British Museum) sehr liebenswürdig u. gleich Auskunft gegeben hat, haben mich die Italiener in Bologna, Rom|3|Padua schmählich im Stich gelassen. In Bologna hatte ich wegen Alma Mater angefragt; eine von Oberbibliothekar Guerini5 unterzeichnete Antwort kam, die man eigentlich veröffentlichen sollte. Ein untergeordneter Geist, der kein Wort deutsch versteht – ich hatte latein geschrieben – antwortete deutsch; offenbar hatte er ein Wörterbuch genommen u. was er italienisch gedacht hatte, ohne jedwedes Verständnis deutsch ausgedrückt – oder vielmehr wollen, so daß man kaum den Sinn erraten kann.
Wegen den dem Jesuiten D. Ath. Kircher von Ermann gemachten Beschuldigung der Fälschung des koptischen Worts mends = Bock / hircus hatte ich an den General der Jesuiten u. P. Ehrle Prefetto der Vaticana6 geschrieben – der übrigens sehr |4| nett sein soll –, da die Handschrift des koptischen Glossars entweder im Collegio Romano oder in der Vaticana sein muß, aber trotz wiederholten Bitten habe ich seit einem halben Jahr keine Antwort erhalten. Ich vermute, daß Kircher das Wort wirklich gefälscht, beziehungsweise in seinen Abdruck eingeschmuggelt hat. Das erste Mal jedoch, als ich an den Archiviste general [sic] schrieb, hatte er sogleich einen Jesuiten-Paten im Limburgschen mit der Beantwortung meiner Anfragen beauftragt, der sie mir auch bald ausführlich in lateinischer Sprache beantwortete, was sehr anerkennenswert war. Ihre Belehrungen wegen des Baskischen nehme ich dankbar |5| an. Ich hatte den Aufsatz als Laie geschrieben u. gar nicht für eine wissenschaftliche Zeitschrift bestimmt. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen darüber geschrieben habe. Linschmann hat mir geschrieben u. mir namentlich vorgeworfen, daß ich nicht die letzten Untrsuchungen gekannt hätte, auch nicht die neuesten Veröffentlichungen über die Mutter Heinrichs IV.7 – ich weiß nicht mehr genau von wem: ich glaube von Weiß8 in Paris. Wie soll ich das wissen? Mir ist nur unangenehm, daß Bruston9 in Montauban, wie er mir nachträglich selbst bedauernd geschrieben hat, |6| meine ganz einfach gestellte (lateinische) Frage: wie viele Basken sich zum reformierten Glauben bekennten, falsch beantwortet u. die Anzahl der Reformierten in jenen Departements der Pyrenäen genannt hat. Das möchte ich nachträglich bei Websky10, der mich leider auf der Rückreise nicht wieder besucht hat, berichtigen. Am liebsten möchte ich Ihnen die Correkturbogen, die Linschmann mit seinen Nachträgen versehen zurückgeschickt hat – wofür es natürlich wegen des Druckes zu spät war – senden, damit Sie bestimmen könnten, was ich berichtigen soll. Denn was kann es das Publikum interessieren, ob noch 1 unvollständiges Ex. des Leiçarraga |7| in Hamburg ist, oder die übersehenen Druckfehler u. s. w. Vielleicht haben Sie die Güte mir darüber Ihre Ansicht mitzuteilen. Wenn Sie zu beschäftigt sind, so lassen Sie die Sache ruhig liegen. Ich werde dann an Websky die Benachrichtigung einschicken.
Was sagen Sie zu dem Ansinnen des Herausgebers des „Civis Romanus“ W. Lommatzsch in (Sachsen)11 außer einem Ausspruche des Philosophen Paulsen folgenden Cynismus gut lateinisch zu übersetzen: „Ob wir Immoralisten der Tugend Schaden thun? Ebenso wenig als die Anarchisten den Fürsten. Erst seitdem diese angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf dem Thron. Moral: Man muß die Moral anschießen“. |8| Ich weiß nicht wie Sie zu dem Autor dieses – Satzes stehen. Ich kenne ihn nur aus den Aufsätzen über ihn u. habe genug daran.
Ich habe dem W. Lommatzsch ziemlich derb geantwortet, daß meine Zeit zu kostbar war für solches – Zeug. Nach dem, was der Herausgeber schrieb, scheint er an viele Lateiner mit diesem Ding gegangen zu sein, um auf diesem neuerlich beliebten Wege einen interessanten Artikel in seiner Zeitung veröffentlichen zu können. Heut den 15/XII hat die Frau Holle das Regiment.
Mit den besten Wünschen für das Fest
Ihr
Dr H. Meurer, Prof.
1 Der Hinweis auf den Artikel in der Anglia liefert das approximative Datum.
2 Democritus Ridens. Sive Campus Recreationum Honestarum. Cum Exorcismo Melancholiae, [Johann P. Lange], Coloniae: Bingen, 1649.
3 Giovanni Domenico Mansi; vermutlich ist die Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio gemeint.
4 Bd. 12, 1889, S. 401-427.
5 Vermutlich ist Olindo Guerrini (1845-1916), der auch als Dichter hervortrat, gemeint.
6 Franz Ehrle (1835-1934), Bibliothekar, Archivar und Kurienkardinal, Vorsteher der Biblioteca Vaticana.
7 Jeanne d’Albret (1828-1572).
8 Gem. ist vermutlich Pierre-Charles Weiss (1799-1866), doch konnte kein einschlägiger Titel gefunden werden.
9 Charles Bruston (1838-1937), prot. Geistlicher Prof. a. d. Faculté de théologie protestante de Montauban .
10 Julius Ernst Websky (1850-1922), Evang. Theologe, Publizist. (Das „D.“ steht vermutlich für den theol. Doktortitel).
11 Civis romanus: orbis litterarum romanarum nec non commercio epistulari latino adiumentum , W. Lommatzsch, Limbach, 1902-1909.
