Oskar Stübel an Hugo Schuchardt (01-11276)

von Oskar Stübel

an Hugo Schuchardt

Apia

30. 10. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: language Pidgins (Englisch)language Englisch China Fidschi

Zitiervorschlag: Oskar Stübel an Hugo Schuchardt (01-11276). Apia, 30. 10. 1883. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12413, abgerufen am 08. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12413.


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Kaiserlich Deutsches Konsulat
für die Südsee Inseln
Apia, den 30. October 1883

Euerer Wohlgeboren gefälliges Schreiben vom 14. August v. J. habe ich seiner Zeit erhalten und bedauere, dasselbe erst jetzt beantworten zu können. Ich hoffe, daß das Wenige, was ich mittheilen kann, Ihnen noch von Nutzen sein wird.

Unter den Samoanern und Tonganern existirt kein derartiges Pigeon English, wie dies in China der Fall ist. Nur ein sehr geringer Theil der Eingeborenen der Samoa und Tonga Inseln lernt in den Missionsschulen etwas Englisch. Auch diese haben für das Erlernte nur wenig Verwendung. Sie bedienen sich fast ausschließlich ihrer Muttersprachen. Es fehlt daher in Samoa und Tonga an derjenigen Voraussetzung,

Herrn Dr. Hugo Schuchardt
K. K. Universitätsprofessor
Graz Steyermark
JN° 740

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unter welcher anderwärts durch den Einfluß einheimischer grammatischer Formen eine Modification englischer Sprachformen stattgefunden hat.

Anders liegen die Verhältnisse für die Eingeborenen der Melanesischen Inselgruppen. Dieselben werden gegenwärtig in großer Anzahl als Arbeiter für die Pflanzungen in Queensland, Fiji und Samoa angeworben. Da ihre heimischen Sprachen nur in den kleinsten Distrikten gesprochen werden, so stehen den überall bunt durcheinander gewürfelten farbigen Arbeitern für den Verkehr unter sich selbst in der Hauptsache nur englische Worte zur Verfügung. Daneben werden Worte der Fiji und Samoa Sprache theils lokal theils allgemein angewendet.

In diesem beständigen Verkehr der Arbeiter unter einander und mit ihren meisten Arbeitgebern hat sich nun in der That ein englischer Jargon entwickelt. In demselben findet sich ein Minimum, dem Bedürfniß eben genügenden Wort- |3|begriffe vor. Durch ein Wort wird die Gesammtheit aller ähnlichen oder verwandten Begriffe wiedergegeben. So bedeutet das Zeitwort „stop“ wohnen, bleiben, ausbleiben, leben, sich aufhalten, übrig sein und dergl.

Mit dem Zeitwort „belong“ wird der Genitiv, jedes Besitzverhältniß, jede Zusammengehörigkeit, jede Abhängigkeit, wiedergegeben.

Alle Vergleichung wird mit „all (the) same“ ausgedrückt. Die grammatischen Formen sind wohl meist die grammatischen Formen der in der Südsee heimischen Sprachen.

Nur die Worte sind in der Hauptsache englisch. Als persönliche Fürwörter hört man nur me, you, he und him, me für Nominativ und Accusativ. Das Fürwort he (und him) dient auch als einziger Artikel. Dem Substantivum wird in der Regel das Wort „fellow“ vorgesetzt, belebten und unbelebten Begriffen. Das Wort scheint als den Begriff erst substanitivirend.

„Der schwarze Junge des Deutschen Konsuls“ wird wiedergegeben mit „He black fellow boy belong German Consul“ |4| Ist dagegen unter den schwarzen Jungen die Rede von dem Deutschen Konsul und ist ihnen das Wort deutsch und Konsul noch nicht bekannt, wohl aber der Name seines Jungens z. B. „Sakori“, so wird er mit „he white fellow man belong Sakori“ näher bezeichnet werden.

Eine Konjugation der Zeitwörter ist nicht vorhanden. Die umschreibende Form mit do ist unbekannt. Nur die Präsensformen finden Anwendung. Die Negation wird nur durch no ausgedrückt.

„me no go“ kann heißen: „Ich bin nicht gegangen, ich war nicht dort, ich werde nicht gehen“.

Die verneinende Frage wird mit ja beantwortet, wo wir nein antworten würden.

You no see him? Yes. d. h. „nein, ich habe ihn nicht gesehen“.

Gezählt wird nach Zehnern, two ten and four ist = 24.

Einige Proben folgen bei.

Das Wort „kaikai“ für Essen, Esswaaren etc. soll schon durch die Wallfischfänger ein- |5| geführt worden sein. Es hängt jedenfalls mit den betr. Worten der pollynesischen Sprachen zusammen.

Samoanisch: das Zeitwort essen = ai

Nahrungsmittel: mea e aig = Dinge zum Essen

Das Wort „save“ für wissen, können, kennen u. s. w. ist zweifellos spanischen Ursprungs. Das Wort „pulumakau“ welches auch im Samoanischen für Rindvieh gebraucht wird soll aus „bull and cow“ entstanden sein.

Die bedingende Konjunktion ist ganz allgemein suppose. Der Gebrauch von cocanut für Kopf und grass für Haar mag anfangs vielleicht scherzweise gebraucht worden sein.

Mit grass wird Haar, Federn und ähnliche Begriffe wiedergegeben. Alles schlagen, kämpfen, streiten, züchtigen u. s. w. wird mit „fight“ ausgedrückt.

Der Kaiserliche Konsulatsverweser O. Stuebel

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Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11276)