Hugo Spitzer an Hugo Schuchardt (21-10760)
von Hugo Spitzer
an Hugo Schuchardt
23. 08. 1920
Deutsch
Zitiervorschlag: Hugo Spitzer an Hugo Schuchardt (21-10760). Graz, 23. 08. 1920. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12373, abgerufen am 18. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12373.
Graz, 23. Aug. 1920
Hochverehrter Herr Hofrath!
Ein Mensch, dem soeben der Staar gestochen1 worden ist, mag eine ähnliche Empfindung haben wie sie durch Ihr freundliches Schreiben in mir geweckt wurde. Wie früher war mir der Gedanke gekommen, daß wir eine Staatshymne gar nicht brauchen, daß aber, wenn wir eine Volkshymne fordern, uns ohnedies die beste u. schönste schon längst in dem Hoffmann’schen2 Liede gegeben ist. Allzusehr von den Zeitverhältnissen abhängig u. deren ganz transitorischen Charakter vergessend, nahm ich die neue Staatshymne für die Volkshymne u. der Gesichtspunct, den Sie aufstellen, blieb mir seltsamer Weise |2| fremd. Nun aber, da Sie ihn mir eröffnet haben, sehe ich augenblicklich ein, daß er der richtige ist. Derjenige, von dem aus die Sache zunächst beurtheilt werden muß. Renner’s schönes Gedicht3 wird man also nicht mehr für unsere Volkshymne erklären, sondern nur noch mit dem „spätren sah‘“ der Tiroler oder mit dem „dort, wo Tirol an Salzburg grenzt“, das uns Kärtnern das Herz höher schlagen macht, in eine Reihe stellen dürfen.
Ihre Bedenken gegen das „Deutschland, Deutschland über Alles“4 in einzelnen Verszeilen kann ich – aufrichtig gestanden! – nicht theilen. Mich stört weder die geographische Aufzählung5 (wie in dem Arndt’schen Landwurm6) noch die häufige Wiederholung des Beiwortes „deutsch“, da mir Beides sach-|3| lich gerechtfertigt scheint. Soll doch das Gefühl für die Einheit aller der ältesten Stämme, mögen ihre Wohnsitze noch so weit von einander entfernt sein, belebt u. soll doch dem Deutschen zu Gemüthe geführt werden, daß er nach keiner von all den Richtungen, auf welche der Dichter hin deutet, hinter anderen Völkern zurücksteht!
Die Auslegung, welche Graf Zeppelin dem Hoffmann’schen Text gegeben u. auf die sich die Franzosen natürlich mit Gier gestürzt haben7, ist ebenso abscheulich wie dumm. Die Franzosen mag noch das Verständnis für die Feinheiten unserer Sprache entschuldigen; bei einem geborenen Deutschen wie Zeppelin aber ist ein solches Mißverständnis, eine solche Zustimmung zu dem Unsinn, mit dessen Offenbarung Finot8 kurz vor- |4|her die Welt beglückt hatte (– ich glaube nämlich, daß „Civilisés contre Allemands“ schon vor der Rede Zeppelins erschienen war –) einfach unverständlich. Übrigens bin ich nicht einmal ganz sicher, ob der Finot-Zeppelin‘sche Gedanke mit dem „Deutschland, Deutschland über Alles, über Alles in der Welt“ grammatisch richtig ausgedrückt wäre, ob es nicht vielmehr „über allem“ heißen müßte, – wenigstens dann, wenn die Tyrannisierung aller Völker durch Deutschland im Geiste vorweggenommen, also nicht als etwas bloß Erhofftes u. erst Vorzubereitendes hingestellt würde.
Mit aufrichtigem Danke für die werthvolle Anregung, welche mir Ihr liebenswürdiges Schreiben geboten, u. dem Ausdrucke höchster Verehrung bleibe ich
Ihr
sehr ergebener
Hugo Spitzer
1 In früheren Zeiten wurde der „Star“ (Augenkrankheit) vom Operateur herausgestochen; dieser Prozeß ging in die Umgangssprache mit der allgemeinen Bedeutung „jemandem die Augen öffnen“ ein.
2 August Heinrich Hoffmann von Fallersleben dichtete am 26. August 1841 auf Helgoland das sog. Deutschlandlied, dessen 3. Strophe heute die offizielle Nationalhymne der BRD ist.
3 Deutschösterreich, du herrliches Land, auch Renner-Kienzl-Hymne genannt.
4 Erste Strophe des sog. Deutschlandliedes, der deutschen Nationalhymne (seit 1919), die allerdings nicht mehr gesungen wird. Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949) gilt nur die 3. Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit“ als offizieller Text.
5 „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“.
6 Ernst Moritz Arndt, „Des Teutschen Vaterland“.
7 Kein Nachweis.
8 Jean Finot, Civilisés contre Allemands: (La grande Croisade). L'Europe avant la guerre.- Les illusions pacifistes.- Le Kaiser.- Le vénérable doyen.- La diplomatie allemande.- La préméditation. Une guerre monstrueuse.- Les Français de nos jours.- Le peuple anglo-français.- La Russie d'aujourd'hui et de demain. - L'Europe délivrée, Paris: Flammarion, 1915 (2 Bl., 343 S.).
