Hugo Spitzer an Hugo Schuchardt (01-10740)

von Hugo Spitzer

an Hugo Schuchardt

Graz

07. 01. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: Curtius, Georg Ziagos, Sandra (2015)

Zitiervorschlag: Hugo Spitzer an Hugo Schuchardt (01-10740). Graz, 07. 01. 1886. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12353, abgerufen am 06. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12353.


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Graz, den 7. Jänner 1886

Sehr geehrter Herr Professor!

Schon ein Paar Male habe ich Sie in Ihrer Wohnung aufgesucht, um mich für die liebenswürdige Zusendung Ihrer Arbeit bei Ihnen persönlich zu bedanken, habe Sie jedoch leider zu Hause nicht getroffen. Ich spreche Ihnen daher mit diesen Zeilen meinen verbindlichsten Dank u. die Versicherung aus, daß die Lectüre Ihrer auch für den Philosophen höchst anregenden Schrift mir große Freude gemacht hat. Durch Ihre Auseinandersetzungen ist die Sache, wie mir scheint, nun endgültig ins Reine gebracht. Die ganz willkürliche Vorstellung, als ob der physiologische Factor die fundamentale Gesetzmäßigkeit bedinge u. für alle Ausnahmen, durch welche diese Gesetzmäßigkeit durchkreuzt wird, der Einfluß des psychologischen Moments verantwortlich zu machen sei, hat in Ihrer interessanten Studie ebenso den Todesstoß erhalten wie die allgemeine Behauptung ausnahmslos geltender Lautgesetze: schlagend weisen Sie nach, daß Regelmäßigkeiten gerade auch von Aporiationsprinzipien, mithin von dem psychologischen Factor abhängen können, so daß es sehr unbillig ist, diesem blos die Störungen, die Irregularitäten aufzu- |2| halsen.

Die einzige, übrigens im Zusammenhang des Ganzen durchaus nebensächliche Erörterung, welcher ich vom philosophischen Standpunkte aus nicht beitreten möchte, findet sich auf S. 5: Das Raisonnement nämlich, das Sie auf den Tobler’schen Satz von der Unmöglichkeit eines Antagonismus bei heterogenen Kräften gründen, scheint mir auch in seiner jetzigen Gestalt deshalb anfechtbar, weil jener Satz selber, welchen Tobler als Axiom hinstellt, wohl kaum zu beweisen sein dürfte. Curtius huldigt allerdings, wie Ihr Citat wahrscheinlich macht, einer ähnlichen Auffassung; aber das verbürgt noch immer nicht die Richtigkeit desselben.1

Mit aufrichtigem Bedauern habe ich von dem schweren Verluste gehört, den Sie, sehr geehrter Herr Professor! Kürzlich erlitten.2 Gestatten Sie, daß ich Ihnen meine tiefgefühlte Condolenz u. zugleich den Wunsch ausspreche, das neue Jahr möge Sie durch recht viel Angenehmes u. Erfreuliches für diese betrübende Heimsuchung entschädigen, welche Ihnen das verflossene Jahr noch vor seinem Scheiden gebracht hat.

Mit der Versicherung ausgezeichneter Hochachtung empfiehlt sich Ihnen bestens

Ihr ganz ergebener

Hugo Spitzer


1 Vgl. Sandra Ziagos, „zurückgewiesen und zum alten Eisen geworfen“ – der Briefwechsel zwischen Hugo Schuchardt und Georg Curtius, Grazer Linguistische Studien 80 (Herbst 2013); S. 43-78.

2 Der Notar und Justizrat Ernst Julius Schuchardt verstarb am 2.12.1885 in Gotha.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10740)