Octavio Hermann Schroeder an Hugo Schuchardt (06-10252)

von Octavio Hermann Schroeder

an Hugo Schuchardt

Hamburg

31. 12. 1882

language Deutsch

Schlagwörter: Schroeder, Margarethe von

Zitiervorschlag: Octavio Hermann Schroeder an Hugo Schuchardt (06-10252). Hamburg, 31. 12. 1882. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12324, abgerufen am 14. 06. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12324.


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Hamburg 31 December 1882

Mein verehrter Herr Professor,

Ich möchte das alte Jahr nicht zu Rüste gehen lassen, ohne Ihnen einen freundlichen Dank gesagt zu haben sowohl für Ihre liebenswürdigen Zeilen als auch für die nachsichtige Aufnahme der Ihnen zum Weihnachtsfeste zugesandten Hamburgensia nebst Konterfei unserer Margarethe. Betrübt hat uns nur der etwas schwermüthige Ton, der Ihren Brief durchweht, und für den ich in diesen Tagen des Wohlseins, dessen ich mich erfreue, |2| mir nicht minder lebhaftes Verständniß habe. Sie projectiren einen Reiseausflug, aber leider setzen Sie hinzu – nach Süden, während mich beim Lesen der Anfangsworte schon der Gedanke durchzuckt hatte, daß Sie sich bei uns zum Besuche anmelden wollten. Obgleich Sie bei uns den Scirocco nicht zu befürchten haben, so wird Ihnen der unwirtliche Norden doch für Ihre Stimmung nicht sympathisch sein, und ich wage nicht den Versuch einer Einladung zu erneuern, aber daß Sie uns jeder Zeit willkommen sein würden, das brauche ich nicht erst zu versichern.

Mit meinem Befinden geht es |3| jetzt seit 4 Monaten unberufen sehr gut und die angestrengte Arbeit thut mir wohl und geht leicht von Statten. Wir führen diesen Winter ein streng häusliches Leben, weil ich zu Anfang October meine hochbetagte Mutter verloren habe. Sie starb im 90sten Lebensjahre, zuletzt körperlich und geistig durch Altersschwäche geknickt, so daß Ihre Auflösung wohl als eine Wohlthat angesehen werden durfte. Ihre Kinder waren in der Lage ihr ein behagliches Alter bereiten zu können, so daß die Erinnerung an die in allen Kreisen hochgeschätzte Greisin eine ungetrübt schöne ist.

Für nächsten Sommer planen wir einen Aufenthalt in Tarasp1, ohne daß das|4| Project bis jetzt greifbare Gestalt angenommen hätte. Aber kaltes Carlsbad, wie Tarasp wohl bezeichnet wird, soll es für Magen und Nerven zuträglich sein und auch Logis und Verpflegung werden gerühmt. Ließe sich dort nicht das für diesen Sommer leider verfehlte Zusammentreffen bewerkstelligen?

Frau und Kinder grüßen aufs Herzlichste. Prosit Neujahr!

In aufrichtiger Ergebenheit

der Ihrige

Schroeder


1 Ortsteil der Gemeinde Scuol im Unterengadin im Schweizer Kanton Graubünden.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10252)