Octavio Hermann Schroeder an Hugo Schuchardt (01-10247)

von Octavio Hermann Schroeder

an Hugo Schuchardt

Hamburg

12. 12. 1881

language Deutsch

Schlagwörter: Nassau (Rheinland-Pfalz) Österreich

Zitiervorschlag: Octavio Hermann Schroeder an Hugo Schuchardt (01-10247). Hamburg, 12. 12. 1881. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12319, abgerufen am 13. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12319.


|1|

Hamburg 12 Dcbr 1881

Verehrter Herr Professor,

Bei den freundlichen Gesinnungen, welche Sie für mich und meine Familie kund gegeben und von denen Sie durch Ihren, mit hoher Freude aufgenommenen Brief an unsere kleine Margarethe1 ein neues Zeichen gegeben haben, darf ich es wohl wagen, auch für diese Zeilen eine günstige Aufnahme zu erbitten. Ich beginne mit der Mittheilung, daß ich seit über 14 Tagen mich viel besser befinde und jetzt, nachdem ich jüngst ein Paar [sic] Wochen mit der größten Anstrengung meine Tagesarbeit absolvirte, wieder mit der alten Arbeitslast |2| behaftet bin und auch in bescheidenen Gränzen das Leben genieße. Sie werden selbst wissen, welch unbeschreiblich wohlthätige Empfindung es ist, wenn man so allmälig inne wird, daß der Schleier sich lüftet und sich verzieht, der den Sinn so lange gefangen gehalten hat. In diesem behaglichen Stadium befinde ich mich gegenwärtig und werde dabei nur durch die Sorge beunruhigt, daß der unheimliche Gast nur auf einen günstigen Moment wartet, um sich wieder einzuquartieren. Diese Beunruhigung ist aber ein vortreffliches Warnungsmittel gegen Excesse und Ueberarbeitung, weshalb ich mich darüber nicht beschweren will.

15. Dcbr.

Ich wurde gestört und finde erst|3| heute Zeit, mein [sic] Epistel zu vollenden. Von Nassau wird in unserm Familienkreise noch viel, fast täglich gesprochen und daß Sie, geehrter Herr Professor, vorne an auf der Bildfläche erscheinen, brauche ich nicht zu versichern. Warden Sie doch das belebende Element und zugleich voll Nachsicht gegen dem griesgrämigen Schreiber dieser Zeilen, welcher auf das Lebhafteste wünscht Ihnen einmal wieder zu begegnen, um thunlichst das düstere Bild aus zu löschen, das Sie – wenn überall eines – von ihm festgehalten haben müssen. Nur kein Zusammentreffen wieder in Nassau, das mir durch die peinlichen Erinnerungen gründlich verleidet ist. Lieber möchte ich mit Ihnen |4| einmal in dem gemüthlichen Oesterreich zusammentreffen, wo man wenigstens für den Augenblick das Borussenthum vergessen kann, das sich in unserm Norden überall breit macht.2

Die Meinigen sind wohl und bereiten sich auf eine hoffentlich ungetrübte Festfeier3 vor.

Frau und Töchter lassen herzlich grüßen und bitten um freundliche Erinnerung, eine Bitte, der sich trotz Empfindung mangelnder Verdienste lebhaft anschließt

Ihr aufrichtig ergebener

Octavio Schroeder


1 Vgl. Schuchardts Briefe 10231-10245 an Marie Margarethe Dorothea von Schroeder (1869-?).

2 Hier spricht der liberale Hanseat, der daß Preußentum mißbilligt!

3 Gem. ist Weihnachten.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10247)