Joseph Schrijnen an Hugo Schuchardt (03-10200)
von Joseph Schrijnen
an Hugo Schuchardt
25. 02. 1927
Deutsch
Schlagwörter: Sprachwissenschaft Dänemark Schweiz Leiden Amsterdam Utrecht
Zitiervorschlag: Joseph Schrijnen an Hugo Schuchardt (03-10200). Nijmegen, 25. 02. 1927. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12287, abgerufen am 13. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12287.
Kaiser Karl Universität
zu
NIJMEGEN
Philosophisch-Philologische
Fakultät.
Nijmegen 25 Februar 1927.
Hochverehrter Herr Kollege,
Vertreter der sprachwissenschaftlichen Forschung haben mich bereits wiederholt gefragt, ob Holland1 nicht die ersten Vorbereitungen treffen wolle und könne zur Organisation eines Allgemeinen Linguistenkongresses.2
Das Bedürfnis nach einem solchen Kongress steht ausser Frage. Philologen, Orientalisten, Amerikanisten u. a. haben bereits seit langem ihre internationalen Zusammenkünfte, die ihnen Gelegenheit bieten zu einem angeregten Austausch ihrer Ideen und Meinungen. Doch den Linguisten fehlte bisher solch ein gemeinsamer Treffpunkt.
Linguistische Fragen von allgemeiner Bedeutung sind höchstens als beiläufig und nebensächlich bisher auf philologischen Versammlungen angeschnitten worden. Aber zu allseitigem Meinungsaustausch haben sie den hervorragendsten linguistischen Forschern bislang keine Gelegenheit geboten; deswegen ist das Bedürfnis nach einer solchen für die Linguisten geeigneten Gelegenheit zum Meinungsaustausch in den letzten Jahren stets stärker hervorgetreten.
Die allgemeine Sprachwissenschaft hat sich ein solch weites Forschungsfeld erobert, dass internationale Zusammenarbeit nicht länger entbehrt werden kann.
Eine Reihe von Fragen kann nur durch internationale Vereinbarung gelöst werden. Erwähnt sei z. B. nur ein methodisches Problem wie die Durchführung einer einheitlichen sprachwissenschaftlichen Terminologie, Schaffung einer ständigen internationalen Organisation uam.
Die jüngste Entwicklung in der Geschichte Europas hat gezeigt, dass internationale Zusammenarbeit, wie sehr sie auch durch den unerbittlichen Krieg gestört worden war, doch wieder möglich ist und im Interesse aller Völker und Weltkultur liegt. Es besteht für uns kein einziger Grund, weshalb wir sprachwissenschaftliche Forscher uns selbst die Vorteile und Segnungen internationaler Fühlungnahme und Aussprache über die Probleme unseres Forschungsgebietes vorenthalten wollten. Persönliche Fühlungnahme und Aussprache wirkt bei weitem intensiver als die Verbreitung langer gelehrter Druckschriften.
Dank seiner geographischen Lage dürfte Holland am besten in der Lage sein einen ersten internationalen Linguistenkongress zu beherbergen. Die skandinavischen Länder (vor allem Dänemark) und die Schweiz könnten für eine der folgenden Zusammenkünfte ins Auge gefasst werden. Hollands zentrale Lage bietet die beste Gewähr, dass unser erster Kongress wirklich ein internationaler Treffpunkt werden wird.3
Unsere Landesresidenz, der Haag, ist eine ideale Stätte für Kongresse. Die Seeküste mit Scheveningen liegt im Weichbilde der Stadt, die Universitätsstädte Leiden, Amsterdam und Utrecht sind von hier aus leicht zu erreichen, ebenso der Welthafen Rotterdam und die Blumenstadt Haarlem.
Der Friedenspalast im Haag würde der gegebene Mittelpunkt für internationale Zusammenkünfte sein. Es besteht kein Zweifel, dass auch die holländische Regierung und die Behörden alles aufbieten werden, um Reise und Verbleib in unserem Lande den fremden Gästen so angenehm und preiswert wie nur möglich zu gestalten.
|2|Sehr geehrter Herr,
Nachdem ich diese Pläne wiederholt mit meinen holländischen Kollegen besprochen habe, die ohne Ausnahme diesen Vorschlag begeistert begrüssen, gebe ich mir die Ehre auch Sie ergebenst zu fragen, ob Sie uns durch Ihre Teilnahme und Mitwirkung unterstützen wollen und ob Sie weitere Vorschläge unterbreiten können, die zu einer allseitig befriedigenden Durchführung unseres Planes beitragen dürften.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
Ihr sehr ergebener
Prof. J. H. Schrÿnen
Mit besten Grüssen der Kollegen Uhlenbeck4 und v. Ginneken5.
1 Holland ist ursprünglich nur eine Provinz der Niederlande, doch wurde (und wird) der Name häufig für das ganze Land verwendet.
2 Der Plan wurde verwirklicht mit dem „First International Congress of Linguists in The Hague, 1928“.
3 Der International Congress of Linguists (ICL) findet alle fünf Jahre unter der Leitung des Permanent International Committee of Linguists (PICL) / Comité International Permanent des Linguistes (CIPL) statt. – Die ICL wurde im April 1928 in Den Haag gegründet.
4 Christianus Cornelius Uhlenbeck (1867-1951), niederländischer Linguist und Anthropologe; vgl. HSA 11908-11987.
5 Jacques van Ginneken (1877-1945), niederländischer Sprachwissenschafler; vgl. HSA 03768-03780.
