Joseph Schrijnen an Hugo Schuchardt (02-10199)
von Joseph Schrijnen
an Hugo Schuchardt
14. 05. 1926
Deutsch
Zitiervorschlag: Joseph Schrijnen an Hugo Schuchardt (02-10199). Nijmegen, 14. 05. 1926. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12286, abgerufen am 09. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12286.
Nymegen, 14 Mai 1926.
Hochverehrter Herr Kollege,
Sie sagen in Ihrem Sprachursprung: ,Aus der Not geboren gipfelt die Sprache in der Kunst‘. Ja gewiss: aus der Not geboren, aus dem praktischen Bedürfnis hervorgewachsen. Aber was meinen Sie eigentlich mit ,Kunst‘? Ungefähr so, dass am Ende die Kulturkunst sich der ehemals so schlichten Sprache bedient? Die Volkssprache folgt ja dem zweifachen Triebe der Konvergenz und der Divergenz. Konvergenz: d. h. Ausgleich, praktische Sprachtätigkeit, soziales Bestreben zur Verdeutlichung, den Notbedürfnissen entsprechend. Divergenz: d. h. individuelle Betätigung, Spaltung, zur Befriedigung des artistischen und Gemütstriebes, des Kunsttriebes also, der im Volke lebt. Dieses zweite caracteristicum aller Sprache (sowohl der Volks-, als der Kultursprache) tritt aber m. E. allmählich zurück. Also wenn Sie diese Seite der Sprache mit der „Kunst“ gemeint hätten, dann waeren wir heute ja im Rückfall.
Verzeihen Sie, Hochverehrter Herr Kollege und Hochverehrter Meister, dass ich Sie mit dieser Frage belästige. Einige Zeilen Ihrerseits waeren mir äusserst willkommen. Zeigen Sie mir Bitte, wo ich fehl gehe.
Mit vorzüglicher Hochachtung und verbindlichem Dank fuer das Viele das ich von Ihnen gelernt habe, Ihr
Prof. Jos. Schrijnen
Annastraat 12
