Alfred Poche an Hugo Schuchardt (02-08885)
von Alfred Poche
an Hugo Schuchardt
19. 01. 1886
Deutsch
Zitiervorschlag: Alfred Poche an Hugo Schuchardt (02-08885). Wien, 19. 01. 1886. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12227, abgerufen am 14. 04. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12227.
Wien, den 19. Jänner 1886.
Hochgeehrter Herr Professor!
Für Ihre die angeblich slavische Romanze betreffende gütige Mittheilung und Ihre dieser Streitfrage zugewandte Aufmerksamkeit bitte ich meinen besten Dank entgegenzunehmen. Durch den Hinweis auf ein verwandtes, vielmehr gleiches Motiv, in der spanischen Literatur, den Euer Hochwohlgeboren bei der Analyse des |2| Sagenstoffs der Dichtung gemacht haben, ist ein neues Argument zu Gunsten der vermutheten spanischen Provenienz gewonnen worden.1 Während die von mir mitgetheilten Wahrnehmungen sich mühelos ergaben, ja, einem Jeden, der die Romanze las, sich förmlich aufdrängen mußten, ist es, so lange jene Quellen, welche nach meiner Vermuthung dieser Romanze zugrunde liegen, nicht aufgefunden sind, allerdings nicht leicht, auf dem Wege der Analyse zu jenem Ursprunge zu gelangen. Die in der Überlieferung der spanischen Romanzen- |3| dichtung vorhandenen großen Lücken werden gewiß besonders für solche Romanzen sich constatieren lassen, welche, wie dies bei der von Dr. Krauss bekannt gemachten R. anzunehmen ist2, nicht auf spanischem Boden selbst ihre Entstehung gefunden haben. Dennoch hoffe ich, daß eine Untersuchung der vorhandenen Sammlungen, so besonders des Romancero general, nicht resultatlos sein werde. Schade, daß gerade bei dem Romanzendichter Mendoza, der 1538 mit der Türkei in literarischen Beziehungen gestanden und ein freund des humoristi- |4| schen Genre gewesen ist, die Überlieferung eine lückenhafte ist. Sollte aber auch das zugrunde liegende spanische Original sich nicht nachweisen lassen, so werden doch, wie ich glaube, die vorhandenen Argumente wenigstens eine kritische Haltung in dieser Angelegenheit bewirken. Einer solchen Haltung öffentlichen Ausdruck zu geben, ist aber, das erlaube ich mir zu bemerken, nicht in meiner Absicht gelegen; dies bleibt billiger Weise einem Fachmann überlassen, zunächst Ihrem Gutdünken, hochgeehrter Herr Professor.
Mit dem Ersuchen, den Ausdruck vorzüglicher Hochachtung entgegenzunehmen, zeichne ich ergebenst
Alfred Poche
1 Quelle nicht ermittelt.
2 Rudolf Krauss, Archivrat in Stuttgart; Vater des Romanisten Werner Krauss. – Titel der Romanzen-Veröffentlichung nicht ermittelt; vermutlich in seiner Schwäbische Litteraturgeschichte; in zwei Bänden. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Freiburg i. B., Leipzig und Tübingen 1897-1899; Neuauflage Jürgen Schweier Verlag, Kirchheim unter Teck, 2005
