Alfred Poche an Hugo Schuchardt (01-08884)

von Alfred Poche

an Hugo Schuchardt

Wien

17. 12. 1885

language Deutsch

Schlagwörter: Krauss, Friedrich Salomo

Zitiervorschlag: Alfred Poche an Hugo Schuchardt (01-08884). Wien, 17. 12. 1885. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12226, abgerufen am 18. 04. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12226.


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Euer Hochwohlgeboren,
hochgeehrter Herr Professor!

Erlauben Sie einem Jünger der Wissenschaft, in einer literarischen Frage von Ihnen ein Votum sich zu erbitten. Vor kurzem publicirte Doc. Fr. Krauß in der „Politik“ eine Romanze, die er aus bosnischem Volksmund gehört, für |2| ein altes Produkt südslavischer Epik hält und demgemäß jüngst im hiesigen anthropologischen Verein auch als Quelle für altslavische Culturverhältnisse geltend gemacht hat. Der Charakter dieser Dichtung ließ mich jedoch slavische Provenienz und hohes Alter stark bezweifeln. Statt des berühmten Königssohns Marko wird hier ein christlicher Spanier als Held gefeiert, der alle seine Gegner zu Boden schlägt und den gefangenen Königssohn obendrein noch ritterlich und großmüthig behandelt. Sollte dies bei slavischer Herkunft der Dichtung möglich sein? Ich vermuthe deshalb, dieselbe |3| sei ursprünglich eine spanische gewesen und sodann übertragen worden. Diese Annahme fände ja auch in der vom Übersetzer selbst erwähnten spanischen Occupation des dalmatinischen Küstengebietes, die am 27. October 1538 eintrat, eine gute historische Basis. So schwände auch der allzu starke Anachronismus, der für Doc. Krauß bei Voraussetzung einer alten Dichtung sich ergab und dem er nur eine künstliche Erklärung zu geben vermochte. Während jener Occupation entstand also vermuthlich vorliegende Romanze und wurde hierauf wohl von einem Spanier des Occupationsheeres, |4| der der Landessprache mächtig war und die Verkündigung spanischer Ritterlichkeit sich angelegen sein ließ, in’s Slavische übersetzt. Mein geehrter Herr College Prof. Blumentritt1 theilt meine Bedenken, vermutet jedoch, daß die Übersetzung von einem Abkömmling des aus Spanien vertriebenen und in Südamerika eingewanderten Juden herrühre. Da ich nun selbst in dieser Frage nichts weiteres eruiren kann, so erlaube ich mir, an Euer Hochwohlgeboren die Anfrage zu richten, ob sich nicht, falls meine Bedenken berechtigt sind, aus der Dichtung, die ich |5| beigelegt habe2, sowie aus der spanischen Literatur weitere und entscheidende Indicien für eine spanische Herkunft gewinnen lassen. Das Beste wäre wohl der Nachweis der Existenz des spanischen Originals. Die Romanze, die das mittelalterliche Ritterwesen trefflich vor die Augen führt und durch eine lebendige Darstellung sich auszeichnet, scheint einer eingehenden Untersuchung wert zu sein.

Wünschend, mit dieser Frage Sie, hochgeehrter Herr Professor, nicht zu sehr zu belästigen, erbitte ich mir Ihre gütige |6| Anwort und zeichne mit dem Ausdruck hoher Achtung

ergebenst

Alfred Poche, 1. Gymnasiallehrer
VkvkIII. B. Schlösselg.
8, Th. 20
Wien, den 17. Dezember 1885

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[Anhang Zeitungsausschitte „Feuilleton. Ein altes Recht des Mannes].

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1 Ferdinand Blumentritt (1853-1913), Geograph und Entomologe; Gymnasialdirektor in Leitmeritz (Böhmen), spielte eine wichtige Rolle für J. Rizal im philippinischen Befreiungskrieg gegen die Spanien; vgl. HSA 01038-01180.

2 Nicht als Beilage zu diesem Brief erhalten.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 08884)