Behrendt Pick an Hugo Schuchardt (09-08814)

von Behrendt Pick

an Hugo Schuchardt

Gotha

30. 11. 1906

language Deutsch

Schlagwörter: language Latein Leite de Vasconcelos, José Spanien Wien Deutschland Frankreich Paris Italien Campaner y Fuertes, D. Álvaro (Hrsg.) (1866–1880) Babelon, Ernest (1901–1932) Vidal Quadras y Ramón, Manuel (1892) Leite de Vasconcelos, Jose (1900) Castellane, Henri de/Blanchet, Adrien (Hrsg.) (1900) Boutkowski-Glinka, Glinka (1889) Mommsen, Theodor (1850)

Zitiervorschlag: Behrendt Pick an Hugo Schuchardt (09-08814). Gotha, 30. 11. 1906. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12197, abgerufen am 10. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12197.


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Gotha, 30.XI.06

Sehr verehrter Herr Professor!

Entschuldigen Sie, dass ich Ihren zweiten Brief nicht schneller beantwortet habe. Es gab in dieser Zeit sehr viel zu thun, namentlich die Revision eines grossen Fundes von Groschen des XIV. Jahrhunderts, die sehr eilig war. Daher kann ich Ihnen erst heute schreiben.

Also: der Memorial numismatico1 ist eingegangen, und es scheint in Spanienkeine neue num. Zeitschrift entstanden zu sein. Dagegen finde ich oft für numismatische Artikel (bes. über Münzfunde) die mir nicht zugängliche Zeitschrift „O Archeologo Portuguès“ citirt (die seit 1895 zu bestehen scheint)2, so z. B. einen Artikel über Balearia Band 11 (vor. Monat). – Die Haupterscheinungen über spanisches Münzwesen finden Sie bequem citirt in dem Werk von E. Babelon, Traité des Monnaies grecques et romaines, Tome I (1901)3 p. 238-242. Nach 1893 (Hübner) fehlt der Katalog der Sammlung Manuel Vidal Quadras y Ramon in Barcelona4 (Band I enthält die Antiken), den Sie vielleicht aus Wien bekommen können (hier nicht vorhanden). Ferner ein Artikel von J. Leite de Vasconcellos, les monnaies de la Lusitanie portugaise5, u. das Sammelwerk „Congrès international de numismatique réuni à Paris, à 1900 (hier vorhanden)6. |2| In Deutschland beschäftigt man sich fast garnicht mit den iberischen Münzen; in Frankreich weiss wohl R. Mowat7 am besten Bescheid, der Ihnen gewiss gern Auskunft geben wird. Sie können ihn eventuell von mir grüssen, ich war ihm öfters gefällig (Paris, rue des Feuillantines 10; Commandant R. Mowat).

Über die Formen der Ort- und Völkernamen auf Münzen giebt es keine erschöpfende Zusammenstellung. Das Buch von Boutkowski, petit M de poche (Berlin 1889)8, bringt zwar eine lange Liste; aber es ist das ein wüstes Plagiat von einer Liste, die sich Imhoof-Blumer9 zu seinem Privatgebrauch gemacht hatte, die aber zu Recherchen weder bestimmt noch geeignet war. Ich habe gelegentlich einiges über die Namensform auf griech. Münzen gesagt, aber ohne Belege anzugeben, und nur für griechische Münzen. Da liegt die Sache sehr einfach. Die Regel ist, dass der Genitiv pluralis des Völkernamens angegeben wird (seit überhaupt die Namen ausgeschrieben werden), wobei νόμισμα zu ergänzen ist. Der Genetiv singularis ist selten, er findet sich nur, wenn die Stadt einen Beinamen hat, z. B. Xρᾶϛ Ἐπίδαυρου. Wo Nominativ, Dativ und Accusativ stehen, hat das meist einen besonderen Grund. [einscannen]. Die Regel, dass der mit νόμισμα zu ergänzende Genetiv das correcte ist wird dadurch nicht umgestossen. Auch bei Königsmünzen steht der Genetiv fast allein (Βασιλεύς Άλεξάνδρου); nur in der |3| ältest. Zeit und in der Kaiserzeit finden sich einige Ausnahmen (Nominative). Jedenfalls kann man sagen, dass der Locativ, der für Sie wohl wichtig wäre, im griechischen Sprachgebiet nicht vorkommt.

Im lateinischen liegt es anders. Das vorherrschende ist hier der Nominativ: ROMA bezeichnet das Goldstück als seine Münze, ebenso die Colonien (wo aber in Asien zuweilen unter griechischem Einfluss der Genetiv vorgekommen scheint). Aber in (Italien?) Spanien u. Africa kommt auch Ablativ vor. In Italien liegt es besonders schwierig, und das läßt sich nicht kurz abmachen (s. Mommsen, Römisches Münzwesen, und C. I. L. I10). Zu Africa habe ich mir HIPPONE LIBERA gemerkt. Die spanischen Beispiele kennen Sie selbst; die Auffassung wird öfters zweifelhaft sein; aber es giebt doch wohl einige sichere Ablative? ( Obulcone ist allerdings unsicher). Formen wie Ilipense sind doch wohl Nominative der Adjectivums, wobei aes oder argentum zu ergänzen sein wird. Ich habe mich um die Formen auf dem spanischen Wege nie gekümmert; aber wenn Sie es nicht selbst tun wollen, kann ich die Frage erneut untersuchen; es würde mich auch interessieren, aber sofort komme ich nicht dazu. – Die Form [einscannen] macht ja keine Schwierigkeiten, sie ist aber correct griechisch; die Münzen sind ja auch in Gallien geprägt (vgl. Blanchet, traité des monnaies gauloises p, 273 f.) –

Das wäre alles; es würde mich freuen, wenn es Ihnen etwas nützte. Auf Wunsch stehe ich weiter gern zur Verfügung.

Nachtragen will ich, dass Herr Linschmann wohl in Meiningen lebt.11 –

Über Kubitschek12 urteile ich nicht besser als Prof. Bauer13|4| und alle Fachgenossen, – trotz Ihrer Karte, die mir die Absendung des Buchs meldet. Er ist einer der unpraktischsten Menschen, die ich kenne. Und was die von Ihnen erwähnte „Bescheidenheit“ betrifft, so ist sie nur ganz äusserlich; im Innern ist er ein ungewöhnlich dünkelhafter Mensch. Vor 4 oder 5 Jahren hat er einmal vierzehn Tage hier gearbeitet; aber ich muss sagen, dass selten oder nie ein Mensch meine Geduld durch zur Schau getragene Sanftmut und Bedürfnisslosigkeit nebst tugendhaftester Selbstzufriedenheit so auf die Probe gestellt hat. Ich glaube ja, dass er eine ganze Menge von Kenntnissen hat, aber zu seinem Hochmut hat er um so weniger Grund als er zwar schon viel Grosses begonnen, aber noch nie etwas fertig gemacht hat. Indessen habeat sibi14; mir persönlich hat er übrigens auch nichts zu leide gethan, mich ärgert nur diese unberechtigte Tugendboldenhaftigkeit.

Leben Sie wohl. Aber wenn Sie etwas von hier oder von mir brauchen, so schreiben Sie nur; wenn ich nicht sofort antworte, so ist das nicht böser Wille und nicht einmal Bummelei.

Mit vielen Grüssen

Ihr ergebener

BPick.


1 Memorial Numismático Español, coleccion de trabajos, articulos etc., sobre la numismática antiqua y moderna, especialmente la Española, Barcelona: Verdaguer, 1866-1880.

2 O arqueólogo português , Ministério da Educação Nacional, Direcção Geral do Ensino Superior e das Belas Artes; Museu Nacional de Arqueología Etnología, Lisboa, 1895ff.

3 Ernest Babelon, Traité des monnaies grecques et romaines, Paris 1901-32.

4 Catálogo de la colección de monedas y medallas de Manuel Vidal Quadras y Ramón de Barcelona,1892 ff. (mehrere Bände).

5 Leite de Vasconcelos, Les monnaies de la Lusitanie portugaise, Paris; Société française de numismatique, 1900.

6 Congrès International de Numismatique réuní à Paris, en 100 Procés-verbaux et mémoires publiés par [Henri] de Castellane et Adrien Blanchet, Paris: Société Française de Numismatique, 1900.

7 Robert B. Mowat (1883-1941), britisch-schottischer Historiker. – Es ist keine Korrespondenz mit Schuchardt erhalten.

8 Alexandre Boutkowski-Glinka, Petit mionnet de poche ou répertoire pratique à l'usage des numismatistes en voyage et collectionneurs des monnaies grecques ..., Berlin: Selbstverlag, 1889, 417 S.

9 Friedrich Imhoof-Blumer (1838-1920), Schweizer Numismatiker.

10 Corpus Inscriptionum Latinarum.

11 Theodor Linschmann (1850-1940), deutscher Pfarrer und späterer Bibliotheksdirektor; vgl. HSA 06465-06540.

12 Wilhelm Kubitschek (1858-1936), österr. Althistoriker, Klass. Archäologe u. Numismatiker, der wichtige Ämter in Verwaltung und Wissenschaft bekleidete; vgl. HSA 05843.

13 Vermutlich ist Adolf Bauer (1855-1919) gemeint; vgl. HSA 00612-00640.

14 „Er schreibe es sich selbst zu, er habe seinen Willen“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 08814)