Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (089-B76_20)

von Hugo Schuchardt

an Graziadio Isaia Ascoli

Graz

08. 01. 1887

language Deutsch

Schlagwörter: Rezension Reisen Persönliche Treffen Faust Mailand Frankreich Schuchardt, Hugo (1887)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Graziadio Isaia Ascoli (089-B76_20). Graz, 08. 01. 1887. Hrsg. von Klaus Lichem und Wolfgang Würdinger (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1218, abgerufen am 02. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1218.


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Graz 8 Jan 87

Verehrter Freund,

Zunächst danke ich Ihnen für Ihre Bemühung in Betreff Nigra's; soll ich Ihnen dessen Brief zu-rückschicken?

Sodann - und in noch höherem Grade - für die Nachsicht mit welcher Sie meinen Artikel über Ihre 'Poscritta' aufgenommen haben. Die Bedenken welche |2|mir einmal aufgetaucht waren, vermochte ich nicht zu unterdrücken; aber mit der unwillkürlich etwas trockenen und schroffen Form derselben bin ich hinterher nicht zufrieden, und selbst meine an Goethe anknüpfende Bemerkung scheint mir des Guten nicht genug zu thun.1 Nun wenn ich in diesen Detailangelegenheiten ganz von der Leber weg gesprochen habe, so werden Sie anderseits auch an der vollen Aufrichtigkeit meiner |3|allgemeinen Auslassungen nicht zweifeln dürfen. Ich bin der Ansicht dass wie sehr auch Meinungsharmonie erfreut, doch Meinungsverschiedenheit, soweit sie keine principielle ist, sondern sich nur auf Einzelnes und Oberflächliches bezieht, nicht verstimmen kann, und ich bitte Sie herzlichst, mich in diesem Falle nur wie den Feuerstein zu betrachten dem die Rolle zufällt aus dem edlen Stahle neue Funken hervorzulocken oder wie den Advocatus diaboli, dessen Einwendungen nur dem grösseren Glanze der Wahr|4|heit dienen.

Vielleicht habe ich doch das Vergnügen Sie in diesem Frühjahr in Mailand zu sehen. Ich habe die Absicht eine Reise nach Südfrankreich zu machen, und würde dieselbe wenn es geht, auf einige Stunden unterbrechen, um Ihnen meinen Besuch zu machen.

Kanzeln Sie mich in dem Artikel den wir von Ihnen erhoffen, nur ohne jede Rücksicht ab; es genügt mir wenn Sie mir unter vier Augen versichern dass Ihre Gefühle sich gegen mich nicht verändert haben.

Von Herzen
Ihr ganz ergebener

HUGO SCHUCHARDT

Wenn Sie einmal von d'Ovidio Näheres hören, bitte lassen Sie mich es wissen. Mussafia sah ich vor einigen Tagen in Wien und fand seinen Zustand leidlich.


1 Hugo Schuchardt: Due recenti lettere glottologiche e una poscritta nuova, di G. I. Ascoli, in: LB 8 (1887), 12-26 (Brevier-/Archivnr. 202). - Vgl. 25: "Ihm, der 'des Italieners feurig Blut, des Nordens Daurbarkeit' heilsam in sich verbindet, senden wir die wärmsten Glückwünsche über die Alpen..." (Goethe: Faust 1, Studierzimmer 2, Vers 1795-96.).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca dell'Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana www.lincei.it. (Sig. B76_20)