Franz Pauly an Hugo Schuchardt (01-08687)

von Franz Pauly

an Hugo Schuchardt

Graz

12. 01. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Hofbibliothek Kaiserliche Akademie der Wissenschaften (Wien) Bern München Pauly, Franz (1883) Pauly, Franz (1884)

Zitiervorschlag: Franz Pauly an Hugo Schuchardt (01-08687). Graz, 12. 01. 1883. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12162, abgerufen am 18. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12162.


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Graz 12.1.1883

Verehrtester Herr Professor!

Indem ich für Ihre geschätzte Mittheilung v. 10. dss. Mts. meinen verbindlichsten Dank sage, bekenne ich sogleich, daß es mich außerordentlich gefreut hat, mit meinem Unmuthe, ja noch mehr mit meiner Erbitterung ob der geradezu unbegreiflichen Behandlung seitens des Vorstandes der kk. Hofbibliothek nicht allein dazustehen.

Herr Bibliothekar Müller bat um Handschriften des Eucherius, den ich nach Vollendung des Salvianus1 übernommen habe2 (NB. im Auftrage der kays.3Akad. d. Wiss. wie Sie ja wissen werden) am 2. December! Nichts kam, nicht einmal eine wie immer geartete Entschuldigung! |2| Am 23. December schrieb ich in Folge dessen einen „ganz höflichen Brief“ an Herrn Birk4 und warte heute noch auf die Codices und - eine Correspondenzkarte.

So vergingen die für Collationen schönen Weihnachtsferien, schön besonders für den Direktor einer so großen Anstalt wie das 5. Gymnasium, der sich ja zu wissenschaftlicher Arbeit die Stunden abstehlen muß.

Dagegen erhielt ich seit dem 2. December 82 von Bern u. München je eine Sendung Codices von St. Gallen sogar bereits die zweite in Folge immediater Eingabe! Da heißt es doch richtig: nescio an pudeat magis quam pigeat dicere.5|3| Ich habe nun zunächst die Kirchenväter-Commission der Akademie von dieser mehr als sonderbaren Behandlung in Kenntniß gesetzt mit der Bitte um geeignete Abhilfe, welch‘ letztere sicher in ihrer Hand liegt.

Sollte auch das nicht zum gewünschten Ziele führen, so bin ich entschloßen auf die Bearbeitung des Eucherius zu verzichten und das seltsame Gebahren des Vorstandes der Hofbibliothek öffentlich s.i. in Wiener Zeitungen zu beleuchten. Hoffentlich wird der von Ihnen oder der von mir bis jetzt betretene Weg den [?] Schlendrian brechen - vielleicht beide in gegenseitiger Ergänzung. |4| Das fehlt gerade noch, daß man „bei uns“ auch noch auf solche Humanisten stößt!

Hoffentlich ist vorstehende Mittheilung Ihnen ebenso erfreulich, wie es mir die Ihrige gewesen.

Mit diesem Wunsche und dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung zeichne ich

Ihr

ergebenster

Dr. Franz Pauly


1 Opera omnia / Presbyter Massiliensis Salvianus. Rec. et commentario critico instr. Franciscus Pauly, Vindobonae: Gerold, 1883.

2 Libellus de formulis spiritalis intelligentiae ad optimorum codicum fidem Sancti Eucherii. "Portentosa interpolatione" liberauit et recensuit Franciscus Pauly, Graecii, Leuschner & Lubensky, 1884. [Progr., Graz, K.K. Erstes Staats-Gymnasium, 1884. - Enth. auch: Jahresbericht veröffentlicht am Schlusse des Studien-Jahres 1884].

3 Wohl gemeint „kais.“ (=kaiserlichen)

4 Ernst Birk (1810-1891), Historiker und Hofbibliothekar in Wien.

5 „Ich weiß nicht, ob man sich mehr schämen als zögern soll, dies mitzuteilen“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 08687)