Fritz Paudler an Hugo Schuchardt (02-08683)
von Fritz Paudler
an Hugo Schuchardt
19. 07. 1919
Deutsch
Schlagwörter: Anthropos
Nubische Sprachen
Keltische Sprachen
Baskisch
Kaukasische Sprachen Vinson, Julien Aranzadi y Unamuno, Telesforo de Rhys, John Balkan Schuchardt, Hugo (1913) Schuchardt, Hugo (1912) Schuchardt, Hugo (1911) Schuchardt, Hugo (1877) Schuchardt, Hugo (1894)
Zitiervorschlag: Fritz Paudler an Hugo Schuchardt (02-08683). Königswald, 19. 07. 1919. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2024). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12160, abgerufen am 16. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12160.
Königswald a. d.
Dux = Bod. Bahn,
19.VII.1919.
Hochgeehrter Herr Professor!
Für Drucksache wie Brief vielen herzlichen Dank! Die Drucksache erhielt ich früher, und wenn mir schon die nicht weniger als vier Sonderabdrücke eine köstliche Bescherung waren (den Aufsatz gegen Vinson1 stelle ich anbei Ihrem Wunsch gemäß zurück), so hat mich dann Ihr Brief geradezu beschämt und mir doch natürlich auch überaus wohlgetan. Wie hoch betagt Sie sind, hochgeehrter Herr Professor, war mir bekannt gewesen (umso höher habe ich schon Ihre Karte eingeschätzt), die Bemerkung aber, Sie seien recht krank gewesen, hat mich schmerzlich überrascht; hatte ich doch gerade Ihre außerordentliche Frische bewundert (was ich nun natürlich noch umso mehr tun muß)! Selbstverständlich mute ich Ihnen hiernach noch weniger als von vornherein etwa ein regelmäßiges Schreiben zu; zum Lesen aber darf ich bei dem so großen wissenschaftlichen Interesse und persönlichen Wohlwollen, das Sie mir bezeugt haben, gewiß auch für eine neuerlich ausführliche Antwort auf freundliche Aufnahme rechnen.
Ihre allgemeinen sprachwissenschaftlichen Anschauungen, hochgeehrter Herr Professor, waren mir nicht nur nicht unbekannt – ich bin, teils durch eignes Nachdenken, teils direkt durch Ihre Arbeiten, soweit ich sie kannte, zu vielfach ganz ähnlichen Anschauungen gekommen. Grad auch „Baskisch und Hamitisch“ hatte ich schon gelesen2 (noch mehr verdanke ich den allgemeinen Ausführungen aus Anlaß des Nubischen3 und besonders des Buches von Aranzadi4), und Ihre Berliner Abhandlung hatte ich nur noch nicht gelesen. Auf diese macht mich Dr. Koppers5 vom „Anthropos“ nach dem Lesen meines Manuskriptes in dem Sinne aufmerksam, daß sie mir gerade in den Kram passen würde, und seither hatte ich halt noch keine Muße dafür gehabt. Koppers machte jene Bemerkung meines Erinnerns auf meine Stelle von dem „einst so überschätzten, |2| heut vielleicht unterschätzten Wortschatz“ hier, und gerade an dieser Stelle hätte ich mich gerne noch viel entschiedener ausgedrückt und hatte ich nur wegen der leidigen Prioritäts= bzw. Selbständigkeitsverwahrung (S. 661, Anm.) nichts mehr geändert.
Was die Nachsetzung des Artikels betrifft, so habe ich mir selber von vornherein eingewendet, ob nicht vielleicht sie oder der Artikel überhaupt jung ist (habe mir sogar, wenn ich mir das nicht vielleicht erst hinterher einrede, das eingewendet, ob der baskische Artikel nicht vielleicht erst im Zusammenhang mit dem romanischen entstanden ist). Ich möchte nicht erst auf die einzenen Vorkommen eingehn, sondern nur darauf hinweisen, daß ich ja die ganze Sache hauptsächlich als Ausgangspunkt für die Rekonstruktion einer Kulturschicht von Dal-Rasse auf dem Balkan benützt habe.6 Wenn die Nachstellung des Artikels etwas damit zu tun hat, wie ich freilich im Grunde des Herzens doch zu spüren glaubte – umso besser! Aber nötig ist das für meine Rekonstruktion nicht.
Auf die Armut an Lippenlauten vom Keltischen bis zum Hamitischen habe ich aus dem einfachen Grunde hingewiesen, weil sie auffallend zu der schlitzartiken Mundbildung beider Cro-Magnon=Rassen stimmt.
Was den passivischen Charakter des Transitivs betrifft, so habe ich den Vorbehalt einer bloßen Konvergenz zwischen Baskisch und Kaukasisch (S. 671) gerade mit Hinblick hierauf gemacht. Wenn es in der Arbeit nicht deutlich genug zum Ausdruck kommt, daß ich dem Schließen aus Übereinstimmungen in den „inneren Sprachformen“ ziemlich skeptisch gegenüberstehe, so tut mir das aufrichtig leid.
Ich bin nur allerdings grundsätzlich aufs tiefste überzeugt, daß das Rassische auch im Sprachlichen ein Faktor vom Wert X ist und daß dieser Wert im allgemeinen sehr groß ist; welchen Wert aber das X im einzelnen Fall hat, darüber scheint mir noch recht wenig ausgemacht zu sein, und ich bin mir auch noch gar nicht klar über die Methoden zu seiner Auswertung, wenn ich auch in manchen Punkten – um das köstliche Wort von Gauß zu verwenden – „meine Resultate schon längst habe und nur noch nicht weiß, wie ich zu ihnen kommen soll“7. Ich sehe halt eine ganze|3| Welt von Problemen vor mir und wollte durch die einleitende Veröffentlichung besonders auch möglichst viele andre anregen, und vor allem aber Sprachwissenschaftler, da ich selber auf Jahre hinaus an eine Kette von Antworten und neuen Fragen gefesselt bin, die mir durch die Frage entstanden ist, ob nicht die andre helle Rasse anders hell ist. (Grob gesprochen:
Dalisch8 grau-gelbblond, nordsich blau-aschblond; „germanisch“ also Mischtyp aus Farben der nordischen Rasse und der dalischen als der vor-nordischen, ureinheimischen Rasse des Germanengebiets, „finnisch“ Mischtypus aus nordischen Farben und mongolischen Formen [Folgerungen inbezug auf die Indogermanenfrage, die Finnenfrage!] …; Anwendung der durch den obigen Unterschied gegebenen Möglichkeit, auch den nur auf die Farben gerichteten Teil der bisherigen Literatur differentialdiagnostisch zu verwerten, darunter vor allem die größten anthropologischen Untersuchungen überhaupt, die mitteleuropäischen Schulkinderfarbenstatistiken9 ….)
Nur erlauben Sie mir, hochgeehrter Herr Professor, noch ein Wort zur Piktenfrage! Wie ich aus Ihrer Besprechung von Rhys10, finden Sie den sprachlichen Stoff der Inschriften viel zu kümmerlich; das entspricht ja grade meinem eigenen Eindruck. (Große Hoffnungen setze ich allerdings hier wie im allgemeinen auf die Ortsnamenforschung; doch ist mir darüber nichts weiter bekannt, und meine eignen ganz vagen Versuche hatte ich bald abbrechen müssen.) Dazu nun noch der zeitliche Unterschied, den nicht Rhys selber betonte, und die räumliche Trennung weiß wie lange, und die Verschiedenheit in der ganzen Geschichte! (Auf diesen äußeren Grund zu Skepsis inbezug auf „äußere Sprachformen“, sowohl gegenüber gar zu schön übereinstimmenden wie gegenüber negativen Befunden, wollte ich mit den Worten von Zimmer [S. 686, Anm.] hindeuten.) Umso fester fühle ich mich da nur auf dem Boden meiner anthropologisch-synthetischen Denkweise und Beweisführung, und ich hoffe, daß auch Sie, hochgeehrter Herr Professor, den Eindruck haben, daß ich mit diesem Beziehn von bisher nicht erklärbaren Sprachen auf bisher nicht ausgeweitete Rassen auf dem rechten Wege bin.
|4|Aus Ihrer Besprechgung von Rhys habe ich auch vollends erfahren, wie gründlich ich mich mit dem Hinweis auf fita verhaut habe; umso mehr bin ich Ihnen für die überaus milde Fassung Ihres Tadels verpflichtet.11 Ich gebe auch ohne weiteres zu, daß ich den Ausdruck „ein Kenner wie“ viel zu laicht gebraucht habe; das war halt eine ungeschickte Äußerung meiner durchaus dem Positiven zugewandten, allzu leicht liebenden und lobenden Natur …
Nun will ich aber schließen. Eine auf Einzelheiten eingehende Antwort erwarte ich nach Ihrer Bemerkung, hochgeehrter Herr Professor, natürlich nicht. Ich glaube aber hoffen zu dürfen, daß Sie mir die Gunst einer Besprechung in der schon am passendsten scheinenden Zeitschrift erweisen werden. Für den Inhalt der Besprechung liegt mir, wie ich ausdrücklich versichern möchte, jede captatio benevolentiae – auch nur auf Unterlassung von Tadel und Zweifel hin – durchaus fern. Es kommt mir nur darauf an, daß die Arbeit in möglichst vielen Zeitschriften überhaupt – wenn auch nur kurz hinweisend – besprochen wird, schon damit das Chaos von Problemen, das ich da aufgerührt, möglichst viele andre anregt, und daß die Arbeit ernst genommen wird; und daß diese letzte Voraussetzung auf Ihre Kritik auch in dem für eine Besprechung aus einer Feder wie der Ihrigen erforderlichen Maße erfüllt ist, das darf ich ja aus dem Bisherigen schließen.
Falls Sie, hochgeehrter Herr Professor, die Absicht einer Besprechung haben, wäre ich für Mitteilung davon sehr verbunden; umso mehr erlaube ich mir aber für den Nein=Fall um eine ausdrückliche Verständigung zu bitten, damit ich mir nicht länger vergebliche Hoffnungen mache.
Jedenfalls verbleibe ich
mit nochmaligem herzlichsten Dank und mit den ehrerbietigsten Wünschen
Ihr
aufrichtig ergebener
Fritz Paudler.
1 Es gibt mehrere Arbeiten, die hier in Frage kämen; der genaue Titel kann ohne nähere Angaben nicht ermittelt werden.
2 Schuchardt, Baskisch und Hamitisch, Paris: Honoré Champion, 1913.
3 Schuchardt, „Zur methodischen Erforschung der Sprachverwandtschaft (Nubisch und Baskisch)“, Revue intern. des études basques 6, 1912, 267-281.
4 Schuchardt, „Zur gegenwärtigen Lage der baskischen Studien. Einige Bemerkungen aus Anlaß von Telesforo de Aranzadi, Antropologia y Etnologia del País Vasco-navarro“, Anthropos 6, H. 5, 1911, 941-950.
5 Wilhelm Koppers (1891-1961), kathol. Priester u. Ethnologe; Redakteur desAnthropos.
6 „Dalrasse“, auch „Fälische Rasse“, in der heute als überholt geltenden Rassenkunde eine „Unterrasse“ der Europiden.
7 Das Zitat lautet genau: „Meine Ergebnisse habe ich schon, ich weiß nur noch nicht, auf welchem Wege ich zu ihnen gelangen werde“.
8 In der „Rassenkunde“ eine europäische Menschenrasse, die als „Unterrasse“ der Europiden eingestuft wurde.
9 Nicht klar, was damit genau gemeint ist.
10 Entweder Schuchardt, Hugo (1877). [Rez. von:] Rhys, John, Lectures on Welsh philology. In: Literarisches Zentralblatt für Deutschland H. 28, S. 1250-1255, oder (1894) [Rez. von:] John Rhys, The Rhind Lectures in Archaeology in connection with the Society of Antiquaries of Scotland; The Inscriptions and Language of the Northern Picts. (Schuchardt-Werk Nr.283).
11 Wohl brieflich; eine Rez. Schuchardts ist nicht nachzuweisen; der briefliche Kontakt scheint nach dem vorliegenden Schreiben eingeschlafen zu sein.
