Carl Friedrich Lehmann-Haupt an Hugo Schuchardt (17-06303)

von Carl Friedrich Lehmann-Haupt

an Hugo Schuchardt

Sare

15. 10. 1918

language Deutsch

Schlagwörter: Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (Berlin)language Berberisch England Schuchardt, Hugo (1918) Lehmann, C.F. (1928) Lehmann-Haupt, Carl-Friedrich (1928) Lehmann-Haupt, Carl-Friedrich (1935) Lehmann-Haupt, Carl-Friedrich (1935)

Zitiervorschlag: Carl Friedrich Lehmann-Haupt an Hugo Schuchardt (17-06303). Sare, 15. 10. 1918. Hrsg. von Bernhard Hurch und Angelika Kellner (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12073, abgerufen am 10. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12073.


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Innsbruck, 15.10.18

Sehr verehrter Herr Kollege,

Ihr freundlicher und inhaltsreicher Willkommensgruss,1 den ich bei meiner Ankunft vor wenigen Tagen hier vorfand, hat mich ganz besonders erfreut. Rückt doch die so inaugurierte Wiederbelebung alter Beziehungen und die neu begründete Nachbarschaft die Aussicht auf einen häufigeren Gedankenaustausch näher, bei dem ich freilich durchweg der Lernende und der Gewinner sein würde.

Beim ersten Durchblättern Ihrer Untersuchung über die romanischen Lehnwörter im Berberischen2 staunt man allsogleich über die Fülle des meisterhaft beherrschten und darge-|2|botenen Stoffes [, von] dem sich so viele allg[emein gehalt?]tsamen Gesichtspunkte ergeben. […] Vermischung des Hauptstroms mit eine[m od]er dem andern Zufluss.“3 Dass vor der geplanten Einleitung nur die wuchtigen Pfeiler stehen geblieben, bedaure ich besonders.4 Meine Arbeit am Chaldischen für das ich so schon auf weitere Aufklärungen von Ihrer Seite hoffe, hat der Krieg zweifach gehemmt. Die Hälfte des Ms. des Corpus Inscriptionum Chaldicarum5 ist in England geblieben mit allen Regesten und jetzt bin ich durch den Abfalle Bulgariens von meinen wenigen Habseligkeiten und Büchern und damit von der 2. anderen Hälfte des Corpus getrennt!6 Am Meisten hat mich die persönliche Seite Ihres Geschenkes erfreut. Haben Sie für alles meinen wärmsten Dank!

Ihr sehr ergebener
C. F. Lehmann-Haupt


1 Dieses Schreiben ist nicht erhalten.

2 Schuchardt 1918.

3 Auf Seite 10 von Schuchardts Publikation findet sich dieses Zitat: „mit andern Worten, wir stehen wie so oft auf unsern etymologischen Reisen nicht einem Entweder-oder gegenüber, sondern es ist die Vermischung des Hauptstromes […] mit einem oder dem andern Zufluß denkbar.“

4 Siehe hier die Anmerkung von Schuchardt: „Diese etwas abgerissenen Vorbemerkungen sind eigentlich nur die stehengebliebenen Pfeiler einer langen Einleitung, die ich geplant hatte“ Schuchardt 1918, 7.

5 Dieses Werk erschien noch in zwei Bänden 1928 und 1935 mit jeweils einem Tafel- und Textband. Lehmann-Haupt 1928a; Lehmann-Haupt 1928b; Lehmann-Haupt 1935a; Lehmann-Haupt 1935b.

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Diese Umstände beschreibt Lehmann-Haupt selbst sehr ausführlich im ersten Band des Corpus Inscriptionum Chaldicarum: „Das Corpus war vor Beginn des Weltkrieges dem Abschlusse nahe. Es hatte in seinem Hauptbestande der Preußischen Akademie der Wissenschaften vorgelegen, die dann auch für die Photographien, wie sie Lieferung 1 des Tafelbandes bietet, Geldmittel zur Verfügung gestellt hatte.

Als ich Anfang Juli 1914, zu Beginn der Sommerferien der englischen Universitäten, von Liverpool aus nach Deutschland und der Schweiz reiste, nahm ich einen etwa dem ersten Drittel des Gesamtwerkes entsprechenden Teil mit mir, um ihn während der Ferien zu fördern.

Der Ausbruch des Krieges und mein Eintritt ins Heer verhinderten zunächst jegliche Arbeit auch an diesem Teile. Das in England verbliebene größere Stück blieb mir auf Jahre hinaus unzugänglich. Denn erst einige Jahre nach dem sogennanten ‚Friedens‘-schlusse wurde mir das Manuskript mit allem Zubehör an Kartotheken für die Register, das meine Base Fräulein Alice Zimmern in sorgliche Verwahrung genommen und so vor ernstlichen Schädigungen behütet hatte, von ihr nach Innsbruck zurückgesandt.

Aber auch der erste Teil des Manuskripts, das ich aus England mit mir genommen hatte, blieb jahrelang meiner Verfügung entzogen.

Ich nahm ihn mit mir, als ich im November 1915 dem Rufe an die Universität Stambul als Professsor der Alten Geschichte folgte, und arbeitete, soweit es neben meiner Berufstätigkeit möglich war, daran weiter. Dabei konnte ich auch die im Altertumsmuseum zu Stambul aufbewahrten großenteils von der Expedition dorthin verbrachten chaldischen Inschriften im Original studieren und habe Sr. Exzellenz dem Generaldirektor Herrn Halil Edhem Bey für mannigfache Förderung lebhaft zu danken, namentlich für die Herstellung von Photographien dieser Denkmäler, die nach meinen Angaben auf Kosten des Museums angefertigt wurden und dem Tafelband des Corpus zugute kommen.

Kurz ehe ich Anfang Juni 1918 wiederum zu Beginn der Sommerferien Konstantinopel verließ, erreicht mich eine Aufforderung des damaligen österreichischen Ministerium für Kultus und Unterricht, in Wien zu Verhandlungen über meine Berufung nach Innsbruck zu erscheinen. Für den Fall, daß diese Verhandlungen zum Ziele führten, packte ich den größten Teil der Corpus-Manuskripte, so daß er transportbereit war. Was ich nicht mehr erledigen konnte, wurde von meinem Kollegen Friedrich Fiese und von dem damals in Konstantinopel weilenden Professor Kurt Regling besorgt.

Als im August 1919 meine Berufung nach Innsbruck feststand, wurde mir durch Vermittlung des österreichischen Unterrichtsministeriums der Transport meiner in Konstantinopel befindlichen Habe nach Wien als Kuriergepäck der österreichisch-ungarischen Botschaft bewilligt. Durch eine unglückliche Verkettung widriger Umstände wurde dies unmöglich und mein Gepäck mit der österreichisch-ungarischen Botschaft von den Italienern beschlagnahmt. Nach dem Friedensschluß fand sich, daß von den 11 Kolli meines Gepäcks 10 vorhanden und unversehrt waren, ein 11. blieb trotz aller Nachforschungen auch der schwedischen Gesandtschaft; die mit dem Schutz der deutschen Interessen betraut war, und des deutschen Vertreters bei ihr verschwunden.

Diese 10 Kolli erhielt ich im August des Jahres 1921 durch die Güte des deutschamerikanischen Vertreters der Standard Oil Company, Herrn Oskar Gunkle, zurück und damit den aus England mitgenommen Teil des Corpus-Manuskripts. Als dann im nächsten Jahre der in England verbliebene Teil des Manuskripts nebst Zubehör (s.o.) an mich zurückkam, war endlich das ganze Manuskript des Corpus nach 8 Jahren wieder in meinen Händen. Mit der elften Kiste blieben neben anderen wertvollen Büchern und Materialien auch einige der Hefte mit meinen Originalkopien verschwunden.“ Lehmann-Haupt 1928a, 10.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 06303)