Hugo Schuchardt an Carl Friedrich Lehmann-Haupt (16-HS-LH-07)

von Hugo Schuchardt

an Carl Friedrich Lehmann-Haupt

Graz

04. 03. 1905

language Deutsch

Schlagwörter: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandeslanguage Kaukasische Sprachen Dirr, Adolf Weißbach, Franz H. (1890) Dirr, Adolf (1903) Schuchardt, Hugo (1904) Schuchardt, Hugo (1905) Schuchardt, Hugo (1895) Erckert, Roderich von (1895)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Carl Friedrich Lehmann-Haupt (16-HS-LH-07). Graz, 04. 03. 1905. Hrsg. von Bernhard Hurch und Angelika Kellner (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12072, abgerufen am 11. 09. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12072.


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Graz, 4 März ’05

Sehr geehrter Herr Kollege,

Ich danke Ihnen bestens für die Übersendung der beiden eben eingetroffenen Schriften. Wenn ich sie noch nicht gründlicher habe würdigen können, so liegt das nicht bloss an der Kürze der verflossenen Zeit, sondern auch an der Kürze meiner Kenntnisse. Sie sind aber in einem Augenblick eingelangt wo ich gerade sehr empfänglich bin. Sie trafen mich bei der Lektüre, recte dem Buchstabieren assyrischer Texte. Ich habe mich |2| nämlich jetzt, ich weiss nicht zum wievielten Male, in die Keilschriften gestürzt und hoffe nun doch einmal es zu jenem Mindestmass von Vertrautheit mit Schrift und Sprache zu bringen, die mich befähigen könnte die verschiedenen dunkeln Sprachen die in Keilschrift verewigt sind, auf ihre Verwandtschaft mit den kaukasischen Sprachen zu prüfen. Allerdings hatte ich vor nicht mit dem Chaldischen zunächst mich zu beschäftigen sondern mit dem Elamisch-Susischen und mit Weissbachs |3|Achämenideninschriften der 2. Art1 zu beginnen.

Da Sie das udische -bi S. 839 erwähnen (es ist ein Perfekt, aoristisches von -b-es-un, machen; -į ist Tempusbezeichnung, der Stamm ist b mit einem Vokal: etwa ba), so schicke ich Ihnen schon jetzt den ersten Teil meiner Anzeige von Dirrs Udischer Grammatik,2 der zweite, ich lese ihn eben in Korrektur, soll bald folgen. Und damit verbinde ich die Bitte mir, wenn es Ihnen möglich ist, zu sagen, wer von den Berliner Herren zum Algierer Orientalisten-Kongress reisen wird. Ich möchte dann doch einem |4|oder andern von ihnen meine Besprechung versetzen.3 Die Sache ist nämlich die, Dirr hat mir schon vor längerer Zeit mitgeteilt dass er nach Algier zu kommen gedenke; er habe dort einen Vortrag über kaukasische Sprachforschung angekündigt.4 Nun ist Dirr ein sehr tüchtiger Sprachpionnier der als solcher alle mögliche Ermutigung verdient, auch die: etwas sorgfältiger die Dinge zu buchen und darzustellen. Aber ein Sprachforscher ist er nicht.5 Wahrscheinlich wird er auf dem Buch von Erckert6 herumreiten dessen zahllose Fehler auch insofern ein Unglück sind als jeder der solche entdeckt – was absolut keine Kunst und keine Kenntnisse voraussetzt – sich als berufenen Fachmann fühlt. Vielleicht könnte doch Jemand dann in dieser Richtung etwas dazu bemerken.

Mit verbindlichem Gruss –

Ihr erg.

HSchuchardt


1 Weissbach 1890.

2 Dirr 1903, die genannte Rezension ist in der Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes in zwei Teilen erschienen: Schuchardt 1904c; 1905.

3 Sic. Vielleicht: ‘vorsetzen’?

4 Auf der 14. Orientalistentagung Ostern 1905 hielt Dirr laut Programm den Vortrag „Die kaukasische Sprachforschung, ihre Geschichte und Nächsten“ (Actes du XIVe congrès international des orientalistes Alger 1905 I, Paris 1906, 6). Publiziert wurde Dirrs Vortag aber in der Zeitschrift „ Beiträge zur Kenntnis des Orients“ (3, 1906, 140-153), wo sich der Vermerk findet, dass der Vortrag hingegen am 12. Jänner 1906 in der Orientalischen Gesellschaft zu München stattfand. Schuchardt und Dirr standen in Briefwechsel, vgl. Fußnote zu Brief 10.

5 Genau diese Vorhaltung, nämlich linguistisch zu wenig sorgfältig zu sein, erhebt Schuchardt auch in seinen Rezensionen. Dort verwendet er auch – nicht ohne ironischen Unterton – das Epithet „Polygrammatiker“.

6 Roderich von Erckert. Schuchardt setzt sich schon in seiner Schrift „Über das Georgische“ von 1895 ausführlich und kritisch mit Erckert auseinander, insbesondere mit Erckert 1895.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv“ erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin - Archiv der Zentrale. (Sig. HS)