Wilhelm Pertsch an Hugo Schuchardt (03-08765)
von Wilhelm Pertsch
an Hugo Schuchardt
21. 12. 1882
Deutsch
Schlagwörter:
Portugiesischbasierte Kreolsprache (Diu)
Gujarati
Sanskrit Beames, John Marquardt, Joachim Aldenhoven, Carl Cust, Robert Needham (1878) Beames, John (1879) Monier, Monier-Williams (1860) Leckey, Edward (1857)
Zitiervorschlag: Wilhelm Pertsch an Hugo Schuchardt (03-08765). Gotha, 21. 12. 1882. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12056, abgerufen am 18. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12056.
Herzogl. Bibliothek 21. Dec.1882.
GOTHA
Verehrter Herr Professor,
Ihre Annahme, daß diejenige indische Sprache, welche auf das Portugiesische u. Diu eingewirkt habe, das Gujarati1 sei, ist ja die nächstliegende u. gewiß wird eine solche Einwirkung nicht ausgeschlossen sein. Zu berücksichtigen, u. wahrscheinlich in höherem Grade als das Gujarati, ist aber auch das Hindustani. Diese Sprache, deren Grundstock Sanskritisch ist, in welche aber außerordentlich zahlreiche Wörter aus dem Arabischen, Persischen u. Tatarischen eingedrungen sind, wird weder in einem bestimmten Bezirk, noch von einem bestimmten Volksstamm gesprochen, sondern ist eine Art Lingua Franca (aber mit reichlich entwickelter Litteratur), nicht das Medium des Verkehrs sowohl der verschiedenen indischen Völker unter einander, als |2| auch mit den Europäern ist. Der letztere Umstand macht es schon sehr wahrscheinlich, daß gerade diese Sprache auf das indische Portugiesisch eingewirkt haben möge, u. Cust (A Sketch of the modern Languages of the East Indies, London 1878, p. 472) bestätigt dies ausdrücklich, indem er sagt: „A still further degradation or dilution oft he (Hindustani) Language takes place by the admixture of Romance-Aryan words in the dialect of the Portuguese Settlements on the West Coast of India“. Cust spricht hier zwar von der Einwirkung des Portugiesischen auf das Hindustani; daß die Einwirkung eine gegenseitige gewesen ist, dürfte aber wohl nicht zu bezweifeln sein. Die von Ihnen erwähnte Eigenthümlichkeit z. B., daß das Object vor das Subject gestellt wird, findet sich gerade im Hindustani; z. B. Zu welcher Zeit wünschen Sie Essen? Kháná áp kis waqt kháwen? Essen Sie welche Zeit wünschen, oder: Lehre mich Hindustani sprechen: Hradu, stání bolne ko nuyhe sikhlá-o: Hindustanisch |3| sprechen mich lehren. Über Lautverhältnisse kann Ihnen am besten Beames, Comparative Grammar3 Auskunft geben, wobei ich bemerke, daß Hindustanisch sich vom Hindi nur durch das reichlichere Eindringen fremder lexikalischer Elemente unterscheidet.
Das Buch von Beames scheinen Sie zu haben; außerdem kann ich Ihnen zur Verfügung stellen
Cust; s. oben (Pery, nur im Allgem. benutzbar)
Hunter, Imperial Gazette of India. Vol. III, enthaltend die Artikel Diu u. Goa.
M. Williams, Hindustani Grammar, mit latein.Typen gedruckt, enthält auch eine Syntax.4
E. Leckey5, Goojuratee grammar; gut, enthält Syntax. Mit Originalschrift gedruckt, mehr aber der Ihnen bekannten Devana- |4| gari6 z. B. ähnlich ist, was Ihnen das Lesen der Verben keine Schwierigkeit machen kann. Sie brauchen nur eine Karte zu schreiben, um das Gewünschte sofort zu erhalten. Die ?? werde ich dann, der Kürze halber, von Ihrem Herrn Vater unterschreiben lassen.
Wenn Sie in mir den Nachfolger Marquardts7 begrüßen, so ist dies nicht ganz richtig. Die Sammlungen sind getheilt worden, so daß ich die selbständige Verwaltung der Bibliothek u des ??, Aldenhoven8 die des Museums erhalten hat. Es ist dies die einzig vernünftige Einrichtung, die ich stets befürwortet habe.
Daß auch Samwer9 gestorben ist, werden Sie erfahren haben. Ich weiß nicht, ob Sie ihn gekannt haben. Mir ist er ein sehr lieber Freund gewesen.
Mit besten Grüßen
Ihr ergebenster
WPertsch
1 Gujarati gehört zum indoarischen Zweig der indoiranischen Untergruppe der indogermanischen Sprachen.
2 Der Titel lautet genau: Robert N. Cust, A sketch of the modern languages of the East Indies: accompanied by two language-maps, London: Trübner, 1878.
3 John Beames, A comparative grammar of the modern Aryan languages of India to wit, Hindi, Panjabi, Sindhi, Gujarati, Marathi, Oṛiya, and Bangali, London: Trübner, 1879; Reprint Delhi: Munshiram Manoharlal, 1966.
4 Monier Monier-Williams, Hindústání Primer containing a first grammar, London : Longman, Green, Longman & Roberts, 1860.
5 Edward Leckey, Principles of Goojuratee grammar, Bombay: Duftur Ashkara Press, 1857. London: Longman, Green, Longman & Roberts, 1860.
6 Weit verbreitete indische Schrift, die für Sanskrit, Prakrit und einige moderne indische Sprachen verwandt wird.
7 Joachim Marquardt (1812-1882), in Gotha wirkender Gymnasiallehrer, Altphilologe und Historiker; vgl. HSA 06856 .
8 Carl Aldenhoven (1842-1911), Bibliothekar in Gotha; vgl. HSA 00027 .
9 Karl Friedrich Lucian Samwer (1819-1882), deutscher Jurist u. Staatsrechtslehrer, Chef des Finanz- und Domänendepartments.
