Reinhold Rost an Hugo Schuchardt (28-09797)

von Reinhold Rost

an Hugo Schuchardt

London

20. 08. 1895

language Deutsch

Schlagwörter: Pantunlanguage Malaiischlanguage Javanischlanguage Baskisch Bonaparte, Louis Lucien Indien Madagaskar Philippinen Schuchardt, Hugo (1894) Castro, Ivo/Cardoso, Hugo C./Baxter, Alan N./Adelaar, Alexander/Koster, Gijs (Hrsg.) (2022)

Zitiervorschlag: Reinhold Rost an Hugo Schuchardt (28-09797). London, 20. 08. 1895. Hrsg. von Bernhard Hurch und Sarah Melker (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.12049, abgerufen am 10. 09. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.12049.


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London, 1 Elsworthy Terrace,
Primrose Hill, N. W.,
Aug. 20. 1895.

Sehr verehrter Freund,

Ihr herzlicher Brief hat mich aufs tiefste gerührt. Wie die Umstände liegen, ist mir zwar weder zu rathen noch zu helfen; doch glaube ich Ihnen eine Darstellung der wenig beneidenswerthen Verhältnisse, in denen ich mich befinde, schuldig zu sein, wie sauer mir auch das Schreiben jetzt wird.

Dass ich bei voller geistiger Arbeitskraft einem ganz neuen Gesetze verfallen sollte, das gar nicht für mich berechnet war, aber um so gieriger auf mich angewandt wurde, da es galt, einen wenn auch noch so unpassenden Parteimann zu versorgen, darüber kann man hier verschiedener Meinung sein. Daß ich aber sogleich auf die Hälfte meines Gehaltes reduciert wurde, war unbillig und hat mich in bitteres Elend gebracht. Denn ich hatte außer einer Tochter zwei mir schwer auf der Tasche liegende Söhne, von denen der zweite erst in diesen Tagen ein schweres Examen glücklich bestanden hat, das ihn zu einer Anstellung als Militärarzt in Indien qualificirt, während der ältere zwar jetzt als Bildhauer etwas zu verdienen anfängt, aber noch lange eine etwas prekäre Existenz haben und mehr oder weniger auf mich angewiesen sein wird. Die langjährigen schweren Leiden |2|meiner Frau haben es mir, auf Rath unseres Arztes, verboten, unser Haus aufzugeben und uns kleiner einzurichten. Ich habe zwar in diesen beiden Jahren gesucht, mir privatim durch Katalogisiren und anderweitig etwas zu verdienen; es ist aber auch beim besten Willen kaum die Hälfte dessen, was mir jetzt abgeht, herauszuschlagen gewesen. Dergleichen Handlangerarbeit wird eben hier wie anderwärts schlecht genug honorirt. Und wenn ich schon meine Wohnung nicht aufgeben durfte, so war an eine Übersiedelung nach dem Continent schon gar nicht zu denken. Die werthvollsten meiner kleinen Sammlungen ( Madagaskar, Philippinen) auf sprachlichem Gebiete, Pali Hss. und dgl. habe ich an das India Office verkauft. Nun habe ich noch eine sehr bedeutende Sammlung über Malaiisch, Javanisch etc., die als Ganzes einen großen Werth hat, und eine reichhaltige Bantubibliothek, an der aber mein Herz noch stark hängt. Vieles andere kann ich als Handwerksmaterial nicht entbehren. Die beständigen Sorgen haben meine Gesundheit dermaßen untergraben, daß ich auf das Schlimmste gefasst sein muss, will aber gern vom Schauplatze abtreten, wenn meine Kinder so weit sind, daß sie sich ihrer Mutter annehmen können; denn im Civildienst beziehen die Wittwen keine Pension, wenn sie auch nicht gerade verbrannt werden.

Fast gleichzeitig mit Ihrem Briefe erhielt ich von |3| der Wittwe des L. L. Bonaparte ein großes Packet, enthaltend seine sämmtlichen Publicationen, nahe an 200. Was soll ich mit diesem weißen Elephanten anfangen? Von dem Verkauf der Doubletten habe ich erst post festum Kenntnis gehabt. Die ganze Bibl., einschl. der Hss., soll für 6000 Guineen an die City verkauft werden, das Geld ist aber noch nicht beschafft. Von den Hss. hat Mr. Collins ein Verzeichniss gemacht.1 Es sind meist baskische. Ich will sehen ob ich ihn veranlassen kann, Ihnen ein Verzeichniss davon anzufertigen.

Was die kleine Sammlung malaio-port. Pantuns anbelangt, so thun Sie mir einen Gefallen, wenn Sie sie als Ihr Eigenthum betrachten wollen. Sie hat für mich keinen Werth und ist bei Ihnen in den besten Händen. Also bitte, lassen wir das dabei!2

Mit den herzlichsten Grüssen und besten Wünschen

Ihr

stets getreuer

R. Rost.


1 Schuchardt (1894) hat diesen Katalog rezensiert (HSA 284).

2 Zur früheren und weiteren Geschichte dieser Handschrift, die zunächst in Schuchardts Besitz blieb und die von Castro et al. (2022) veröffentlicht wurde, vgl. dort das einleitende Kapitel, bzw. hier die Fußnote zu Brief 09782.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09797)