Enno Littmann an Hugo Schuchardt (06-06568)
von Enno Littmann
an Hugo Schuchardt
13. 07. 1923
Deutsch
Schlagwörter:
Französisch Schuchardt, Hugo (1925)
Zitiervorschlag: Enno Littmann an Hugo Schuchardt (06-06568). Tübingen, 13. 07. 1923. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11933, abgerufen am 10. 12. 2025. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11933.
Tübingen, Melanchthonstr. 16 13/7/23.
Hochverehrter Herr Kollege: -
Haben Sie recht herzlichen Dank für die freundliche Zusendung Ihres schönen Artikels über Individualismus1, durch den Sie mich sehr erfreut haben; er war mir so recht aus dem Herzen geschrieben. Ich bin ganz u. gar Ihrer Ansicht. Stets habe ich die Meinung vertreten, daß jede Veränderung im geistigen Leben (und dazu gehört doch auch die Sprache) vom Individuum ausgeht und daß die Masse dann wie das Herdenvieh nachahmt; es kommt eben nur darauf an, daß die Bedingungen für die Aufnahme der individuellen Veränderung erfüllt sind. Wenn ich mich recht erinnere, ist le carrosse im Französ. Fehler eines Königs gewesen. Ich habe wohl gelegentlich im Kolleg gesagt: „Hier schreibt der moderne Grammatiker so, als ob er dabei gewesen wäre, wie die Ursemiten sich zusammentagen und beschlossen, sie wollten eine haplologische Silbenellipse vornehmen.“ Sehr gefreut haben mich auch die persönlichen Erinnerungen, die Sie uns Jüngeren mitgeteilt haben! Eine kleine ἀντίδοσις sende ich gleichzeitig.2
Mit herzl. Grüßen u. Wünschen Ihr erg.
E. Littmann
1 Schuchardt, Der Individualismus in der Sprachforschung, Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften 202.4, 1926, 1-21.
2 Vermutlich eine Publikation (leider keine näheren Angaben).
