Ernst Lechner an Hugo Schuchardt (01-06286)

von Ernst Lechner

an Hugo Schuchardt

Thusis

08. 08. 1870

language Deutsch

Zitiervorschlag: Ernst Lechner an Hugo Schuchardt (01-06286). Thusis, 08. 08. 1870. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11925, abgerufen am 18. 04. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11925.


|1|

Thusis, 8. Aug. 70.

Geehrtester Herr!

Sie werden mich für sehr unhöflich halten, daß ich Ihre werthe Zuschrift vom Mai noch nicht beantwortete. Damals war ich gerade sehr in Anspruch genommen von Synodalgeschäften u. dgl.; überhaupt fehlt es mir nie an vielfachen Arbeiten, u. die kurze Ruhezeit (Juli u. August) bleibt auch nicht frei von Geschäften und wurde zudem durch Besuche Verwandter mit ausgefüllt. Meine gegenwärtige Stellung hat mich von romanischen ganz abgezogen. Nur durch umständliche Correspondenz könnte ich etwa nach und nach Ihrem Wunsche genügen. Doch trotz sonst guten Willens gebietet mir die Rücksicht auf übernommene Pflichten und auf meine Gesundheit, |2| mich vor dem Vielerlei zu hüten und mir auch eine Erholungsstunde vorzubehalten. Ich kann Ihnen also leider Nichts versprechen, werde hingegen, wo sich Gelegenheit bietet, Freunde, die da mithelfen könnten, zu animiren suchen, daß sie mir womöglich Material verschaffen. Bitte, mir diese Erklärung nicht als Gleichgültigkeit gegen Studien, wie die Ihrigen sind, zu deuten; und dagegen würde ich mich noch weniger verwahren müssen, wenn Ihnen meine Stellung nicht blos nach obigen Andeutungen bekannt wäre.

Genügen Ihnen hinsichtlich des Bergeller Dialektes nicht die Proben S. 88-94 in meinem „Bergell“?1 Pallioppi‘s Arbeiten kennen Sie natürlich.2 Sein roman. Wörterbuch sollte jetzt zu erscheinen beginnen, vielleicht wird der Druck eben nur durch die polit. Unruhen verzögert.3 Dort |3| würden Sie ohne Zweifel doch sehr Interessantes für Dialektvergleichung finden. –

Weniges über den Dialekt von Poschiavo in Leonhardi’s „Poschiavino-Thal“, Leipzig, Engelmann, 1859, S. 72/73.4

Druckproben sind mir aus den von Ihnen genannten Gegenden keine bekannt. Am schwierigsten dürfte Auskunft über Misox5 u. Calanca6 zu erlangen sein.

Ich breche für jetzt ab und will sehen, ob mir weitere Mittheilungen möglich sein werden.7

Ihre Zusendung bestens verdankend, zeichnet mit Hochachtung und Gruß

Ihr ergebener

E. Lechner.


1 Lechner, Das Thal Bergell (Bregaglia) in Graubünden. Natur, Sagen, Geschichte, Volk, Sprache, etc. nebst Wanderungen. Mit 1 Titelbild u. 1 Karte, Leipzig: W. Engelmann, 1865. 2 Taf. VIII, 140 S.

2 Dizionari dels Idioms Romauntschs d'Engiadin' ota e bassa, della Val Müstair, da Bravuogn e Filisur con particulera consideraziun del idiom d'Engiadin' ota : Romauntsch - Tudais-ch / Zaccaria Pallioppi, Emil Pallioppi, Samedan: Tanner, 1895 (eine frühere Ausg. konnte nicht nachgewiesen werden).

3 Am 19. Juli 1870 war der Deutsch-französische Krieg ausgebrochen.

4 Georg Leonhardi, Das Poschiavino-Thal: Bilder aus der Natur und dem Volksleben. Ein Beitrag zur Kenntnis der italienischen Schweiz. Mit einer Ansicht der Curanstalt alle Prese und einer Karte des Poschiavino-Thales, Leipzig: Wilhelm Engelmann, 1859.

5 Das Misox (italienisch Val oder Valle Mesolcina) ist ein Tal im Schweizer Kanton Graubünden südlich des San-Bernardino-Passes.

6 Das Calancatal ist wie das Misox, das Puschlav, das Bergell und das Dorf Bivio am Julierpass Teil des italienischsprachigen Gebietes des Kantons Graubünden.

7 Im HSA findet sich keine weitere Korrespondenz Lechners.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 06286)