Hugo Schuchardt an Gaston Paris (155-24457)

von Hugo Schuchardt

an Gaston Paris

Graz

03. 01. 1900

language Deutsch

Schlagwörter: Dreyfus-Affäre Revue des Langues Romanes Revue de philologie française et provençale Académie des inscriptions et belles-lettres Revue des Patois Gallo-Romans Grammont, Maurice Thomas, Antoine Paris, Marguerite Germain, Marie Paris Normandie Poitiers Schuchardt, Hugo (1916) Schuchardt, Hugo (1899) Thomas, Antoine (1900) Grammont, Maurice (1899) Schuchardt, Hugo (1900) Grammont, Maurice (1900) Dotoli, Giovanni (2013) Littré, Emile (1863–1877)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Gaston Paris (155-24457). Graz, 03. 01. 1900. Hrsg. von Ursula Bähler, Bernhard Hurch und Nicolas Morel (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11889, abgerufen am 09. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11889.


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Graz 3 Jänner ’00.

Lieber Freund,

Ich würde Ihnen schon längst geschrieben haben wenn sich meine Hoffnung erfüllt hätte Ihren Brief vom Herbste 1897 wieder aufzufinden1. Alles habe ich durchsucht – vernichtet ist er nicht – ich habe ihn wohl zu gut aufgehoben – kurz, er ist mir nicht wieder vorgekommen. Schliesslich ist es doch gleichgültig ob Sie einen lapsus calami oder ich einen lapsus cerebri begangen habe; Ihre Gesinnung auch in der bewussten Angelegenheit war mir ja von Anfang an klar.2

Heute sende ich Ihnen meine Romanische Etymologieen II3. Vielleicht widmen Sie ihnen bald drei, vier Zeilen der Romania (sommairement)4. Ich weiss dass Sie auch beim besten Willen nicht dazukommen würden, sich in die Schrift zu vertiefen. Immer erstaune ich von Neuem wie es Ihnen überhaupt möglich ist, so viele und so verschiedene Schriften in treffender Weise zu besprechen; der spanische Wunderknabe der, im Alter von zwei Jahren, alles einmal Gehörte auf dem Klavier tadellos nachspielt – ich habe eben in der Zeitung von ihm gelesen5 – flösst mir geringere Bewunderung ein. Eines nur wünschte ich dass auf den ethnographischen Inhalt dieser Etymologieen hingewiesen würde. Es wird meine letzte Arbeit in dieser Disziplin sein; zwar werde ich noch einen dritten Pfeil, den malifatius-Pfeil gegen Sie abschiessen, aber er wird sehr leichtgefiedert sein und aller Ornamentik entbehren, ein Partherpfeil, indem ich aus der Romania entfliehe.

Es ist zu mühselig alle die Quellen zu Rathe zu ziehen welche man für eine Studie im Gebiete der romanischen Sprachwissenschaft zu Rathe ziehen muss; aber noch mühseliger dünkt es mich diese Quellen zu beschaffen. Auf die Kosten kommt es mir nicht an, aber welche Schreibereien wegen aller möglichen Dissertatiönchen, Hochzeitswidmungen, Zeitschriftartikelchen! Unser Buchhandel dient der Wissenschaft noch nicht so wie er sollte; dass man keine französischen Bücher zur Ansicht bekommt! Ich kaufe Alles was ich sehe, selbst wenn es mir ferner liegt, selbst wenn es mittelmässig ist; ich kann mich aber sehr schwer entschliessen Bücher zu bestellen von denen ich nur den Titel kenne. – Übrigens ermüdet die Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Détail einigermassen; die Romania gewährt keine so grossen Probleme mehr, wie z.B. der Kaukasus. Mit der Verbreiterung der Studien ist eine gewisse Verseichtung eingetreten. Ich bin seit 30 Jahren Abonnent der Revue des langues romanes; aber sie ist so trocken geworden dass ich sie nur noch aus Pietät halte. Vielleicht hilft ihr ein junges Talent wie M. Grammont6 auf. Wenn sich die Revue de philologie française zu einem französischen «Sprachwart» umgestaltete, d.h. einer Zeitschrift welche sich mit dem Studium des aktuellen Französisch beschäftigte, resp. darauf beschränkte, so würde sie eine gute Zukunft haben, und besonders im Ausland Anklang finden. – Welche Lücke soll eigentlich das Dictionnaire général7 ausfüllen? Littré8 macht es mir fast entbehrlich; die etymologischen Notizen befriedigen mich grossentheils gar nicht. Was aus A. Thomas eigener Feder, in der Romania stammt, das pflegt mir zuzusagen. – Und Ihre Patoisrevue9?

Vielleicht komme ich heuer nach Paris, um einige Partieen der Ausstellung anzusehen10. Sie werden dann wahrscheinlich abwesend sein. Aber nun, da meine Zeit leider nicht mehr durch meine Besuche in Gotha beschränkt ist11, hoffe ich doch endlich einmal irgendwie mit Ihnen zusammenzutreffen. Nur nicht in Ihrer Normandie; deren Klima würde ich sicherlich nicht vertragen. Empfehlen Sie mich einstweilen Fräulein Marguerite (Griette ist nun wohl beiseite gethan).

In Treue
Ihr ergebener
H. Schuchardt

Das Institut (die Akademie) hat vor einiger Zeit der Schwester Sainte-Marguerite12 im Kloster Nôtre-Dame von Poitiers einen Tugendpreis zuerkannt, weil sie ein blindes, taubstummes Mädchen sprechen und lesen gelernt hat. Existiert darüber nicht ein genauer Bericht? Die Sache interessiert mich als Sprachphilosophen.


1 Voir l. du 13 novembre 1897 (GP 137-08628), du 3 septembre 1898 (HS 148-24457), du [11 septembre 1899] (HS 151-24457), du 19 septembre [1899] (GP 152-08635) et du 27 septembre 1899 (HS 153-24457).

2 Cette discussion sur l’Affaire Dreyfus s’étendait finalement sur une période allant de novembre 1897 à janvier 1900. La lettre en question est celle de G. Paris du 13 novembre 1897 (GP 137-08628), dans laquelle celui-ci emploie l’expression «des forçats justement enchaînés». Ce n’est que bien des années plus tard, en 1916, que Schuchardt retrouvera la lettre de G. Paris du 23 octobre 1899 dans ses papiers, ce qui l’incitera à rédiger un post-scriptum tardif sous le titre «Zur Psychologie der Erinnerung» (Schuchardt 1916).

3 C’est dans cette série d’étymologies, publiées dans les Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, que Schuchardt aborde le problème de turbare/troubler (Schuchardt 1899a, 54-187).

4 Les «Romanische Etymologieen» de Schuchardt feront l’objet d’un compte rendu très fourni dans la Romania par A. Thomas (1900).

5 Il s’agit de Pepito Arriola (1896-1954), prodige du piano qui donne son premier concert à Madrid, le 4 décembre 1899.

6 Maurice Grammont (1866-1946), professeur de linguistique comparée à Montpellier, avait publié, en 1899, dans la Revue des langues romanes, un compte rendu des «Romanische Etymologieen» de Schuchardt (Grammont 1899). Par la suite, Schuchardt a fait parvenir à Grammont un exemplaire de son ouvrage Über die Klassifikation der romanischen Mundarten (Schuchardt 1900) en lui demandant d’en rendre compte – voir la lettre de Grammont à Schuchardt du 18 mars 1900 (HSA 01-3922) –, ce que Grammont (1900) fera.

7 Le Dictionnaire général de la langue française: du commencement du XVIIe siècle jusqu’à nos jours; précédé d’un Traité de la formation de la langue a été publié entre 1890 et 1900 par Adolphe Hatzfeld (1824-1900) et A. Darmesteter et avec le concours d’Antoine Thomas à partir de la mort de ce dernier en 1888. L’ouvrage reçoit le prix Reynaud de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres en 1900. Sur ce dictionnaire, voir Dotoli 2013; Rey 2011.

8 Effectivement réputé pour l’épaisseur historique de ses entrées, le Littré paraît dès 1863.

9 La Revue des patois gallo-romans.

10 La cinquième exposition universelle à Paris s’étend du 14 avril au 12 novembre 1900.

11 La mère de Schuchardt est décédée le 16 juin 1899.

12 Sœur Sainte-Marguerite, née Marie Germain (1860-1910), rejoint l’Institution de Larnay près de Poitiers, spécialisée dans l’éducation des filles atteintes de surdité ou de cécité, en 1881. On ne trouve pas de trace de ce personnage dans l’œuvre de Schuchardt.

Faksimiles: gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France (Sig. BnF, NAF 24457, fol. 87-88)