Hugo Schuchardt an Gaston Paris (153-24457)

von Hugo Schuchardt

an Gaston Paris

Budapest

27. 09. 1899

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Prag Dreyfus, Alfred Mercier, Auguste Gossler, Heinrich von Saulces de Freycinet, Charles de Rochefort, Henri Cornély, Jules Gartner, Theodor Cornu, Julius Müller, Friedrich Alexics, György Murnu, Ioan Murnu, George Paris, Marguerite Björnsen, Björnstjerne Martinius Budapest Frankreich Deutschland Innsbruck Prag Graz Wien Umbrien Iași Paris Cornély, Jules (1899) Oriol, Philippe (2014) Caro, Elme Maris (1871) Cornély, Jules (1899) Ștrempel, Gabriel (1992) Björnsen, (1899)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Gaston Paris (153-24457). Budapest, 27. 09. 1899. Hrsg. von Ursula Bähler, Bernhard Hurch und Nicolas Morel (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11887, abgerufen am 13. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11887.


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Budapest, 27 Sept. 1899.

Theurer Freund,

Gestern erst empfing ich Ihren Brief vom 19 d. M. Was die Form des meinigen anlangt, so wird sie aus seinem Datum erklärlich – ich schrieb ihn unmittelbar nachdem ich erfahren hatte dass die Nachricht von der Freisprechung Dr.’s1 eine falsche gewesen war. Am Inhalt aber habe ich Nichts zu ändern.

Es gibt für mich wie für alle gebildeten Ausländer ein doppeltes Frankreich2. Das eine ist das, dem Sie angehören, das lieben und bewundern wir, mit dem fühlen und denken wir – weit mehr noch als Sie selbst wissen. Das andere, leider, wie es scheint, mächtigere und grössere Frankreich, das der Merciers3, das hassen und verachten wir mit gleicher Inbrunst. Wenn man Ihnen schreibt dass solche Kriegs- |2| gerichtlichen Urtheile in Deutschland nicht auf einen gleichen Widerstand gestossen wären, so halte ich das für einen ausserordentlichen Irrthum. Das wäre ja möglich gewesen dass durch Gewaltmassregeln die oppositionelle Presse zum Schweigen gebracht worden wäre; unmöglich aber dass ein so grosser und so angesehener Theil der Presse – wie das in Frankreich der Fall gewesen ist – sich gegen die Revision erklärt hätte. Und setzen wir auch den Fall dass eine Szene dieses langen Dramas sich ebenso gut in Deutschland hätte abspielen können – nimmermehr das ganze Drama! Ich habe Jahre lang in der fast ausschliesslichen und vertrauten Gesellschaft von preussischen Offizieren gelebt (unter ihnen war auch der jetzige preussische Kriegsminister4); ich weiss wie viel Schroffheit und Einseitigkeit in diesem Stande herrscht; aber sie sind im Durchschnitt viel zu intelligent um solche Märchen zu glauben oder Andere glauben machen zu wollen wie sie vor dem französischen Kriegsgericht aufgetischt worden sind |3| (ich bitte das Märchen um Verzeihung dass ich seinen Namen entweiht habe). Selbst ein Freycinet5 glaubte an die 30 Millionen des «Syndikats»6! Und was ist es mit dem französischen Herzen dem ich einmal warme Worte gewidmet habe? Würde sich wohl in einer deutschen Zeitung eine Phraseologie finden wie die Rocheforts7 u. A.? ist bei uns eine alte Dame denkbar die in Rennes nach der Fällung des Urtheils auf der Strasse zu einem Priester sagte: «Mein Gott, wie bin ich glücklich!»8 Dieses doppelte Frankreich wird für uns bestehen, bis eine wirkliche Sühne, bis ein tiefer Umschwung eingetreten ist. Gegen das zweite Frankreich kann man gar nicht ungerecht sein; es war ungerecht nicht nur gegen den Einzelnen, nicht nur gegen das andere Frankreich, sondern auch ungerecht gegen das Ausland. Ja, in Bezug auf das Letzte schien sich Frankreich einigen zu wollen. Ich weiss nicht genau wo, ich denke es war im Temps, habe ich die Wendung gelesen (im vorigen Jahre): «Frankreich ist gewohnt, Belehrung auszutheilen, nicht zu empfangen.»9 Auch |4|Cornély10 schrieb damals ganz anders als in der letzten Zeit; ich entsinne mich eines seiner Artikel: A Messieurs les étrangers11.

Wenn Sie aber nun weiter glauben dass ich Ihnen Unrecht thue, so thun Sie mir Unrecht. Ihre Antwort auf meinen Oktoberbrief hat mir – trotz des zurückhaltenden Ausdrucks – keinen Zweifel über Ihre Gesinnung gelassen, und ich habe später mit der grössten Genugthuung Ihre Aeusserungen begrüsst. Wenn mir die Worte légalement et justement oder irgend welche synonymen in Ihrem Briefe unverständlich12, mit dem sonstigen Inhalt schwer vereinbar schienen, so sehe ich nun dass irgend ein Missverständniss vorliegt. Entweder haben Sie einen lapsus calami begangen oder ich habe mich verlesen; das wäre ja bei Ihrer Schrift nicht ganz unmöglich, indessen glaube ich, weil mir die Sache eben sehr auffällig war, zweimal hingeschaut zu haben. Ich kehre in diesen Tagen nach Graz zurück und werde hoffentlich Ihren Brief wieder auffinden um das Dunkel lösen zu können.

Ich benutze die Gelegenheit um einiges Persönliche zu erwähnen, von dem Sie natürlich in der Romania |4|keinen Gebrauch machen werden. Dass Gartner nach Innsbruck versetzt worden ist, werden Sie wissen, aber wohl nicht dass Cornu der sich von Prag fortsehnt, ebenfalls gern dorthin gegangen wäre. Ich hoffe Graz wird ihn trösten13. Ich werde nämlich, wegen meiner andauernden Nervenabspannung die mir mehr als alles Andere den mündlichen Vortrag erschwert, noch in diesem Jahre um meine Pensionierung einkommen14. Man hat zwar in Graz selbst daran gedacht mich so gut wie ganz zu entlasten (damit ich wenigstens dem Namen nach der Universität angehöre) und ohne von meinen Absichten zu wissen, hat man mir in Wien den Lehrstuhl Friedrich Müllers (für allgemeine Sprachwissenschaft) angeboten; aber ich bin zu Allem zu schwach und mag nicht zum Scheine eine Stelle einnehmen der ich nicht gewachsen bin.

Ich habe in diesen Tagen mehrfach mit dem Rumänen Alexi(cs) verkehrt der, Dozent an der hiesigen Universität, vor einiger Zeit um alle seine Hoffnungen (die nicht unberechtigt waren) gebracht worden ist. In Klausenburg (magy. Kolozsvár) ist seit lange ein ehemaliger Polizeibeamter, in Budapest seit Kurzem |5| ein ehemaliger Abgeordneter (Günstling des frühern Ministerpräsidenten) Professor des Rumänischen, beide ohne wissenschaftliche Bildung und Neigung.

Gestern hörte ich davon dass der hiesige makedo-rumänische Geistliche Murnu15 (seinen Sohn16, Professor in Iași lernte ich zugleicher Zeit kennen) ein Wörterbuch des Makedo-rumänischen und Französischen verfasst habe und nun nicht wisse wie er es veröffentlichen solle. Wäre es möglich dass man ihm in Paris dazu verhülfe? Alexics würde sich bei der Redaktion betheiligen.17

Meinen Handkuss der kleinen Marguerite! Ich grüsse Sie von ganzem Herzen.

Ihr
H. Schuchardt

Ich lese in der Neuen Freien Presse von Wien (der ersten dortigen Zeitung) ein Feuilleton von Bj. Björnsen18 das so ganz meine Ansichten wiedergibt dass ich versuchen will mir die Nummer zu verschaffen und Ihnen zu schicken.


1 Allusion sans doute à l’article de Cornély, «Et après?», paru dans le Figaro du 8 septembre (Cornély 1899a). Plus généralement, la presse dreyfusarde tente de se montrer optimiste et de croire à l’acquittement à l’issue du procès de Rennes (Oriol 2014, 888).

2 Schuchardt ne croit pas si bien dire, tant la France est divisée au moment de la révision du procès de Dreyfus, au-delà de l’«Affaire» elle-même. Celle-ci fait rejaillir toutes les tensions sociales et politiques qui lézardent l’unité de la France. Surtout, Schuchardt reprend ici à son compte l’idée des deux Allemagne (celle des philosophes et celle de Bismarck) surgie au moment de la guerre franco-prussienne (Caro 1871).

3 Voir l. du [11 septembre 1899] (HS 151-24457).

4 En 1899, le Ministre prussien de la guerre est Heinrich von Gossler (1841-1927).

5 Charles de Saulces de Freycinet (1828-1923), antidreyfusard, ministre de la guerre entre le 1er novembre 1898 et le 6 mai 1899, président du Conseil des Ministres entre le 17 mars 1890 et le 27 février 1892.

6 Théorie complotiste d’un «syndicat juif».

7 Henri Rochefort (1831-1913), directeur du journal d’extrême gauche L’Intransigeant, ancien communard devenu virulent polémiste, antisémite, anticlérical et antidreyfusard.

8 Anecdote non identifiée. Cependant, elle trouve un écho dans les craintes qui entourent le choix de la ville de Rennes, «petite ville de province cléricale et militaire» (Oriol 2014, 876), pour le deuxième procès de Dreyfus.

9 Citation non identifiée.

10 Jules Cornély (1845-1907), journaliste et rédacteur en chef du Figaro, qu’il a rejoint après avoir quitté la rédaction du quotidien antidreyfusard le Gaulois. Considéré comme un conservateur dreyfusard, il publie des «Notes sur l’Affaire Dreyfus» (Cornély 1899b).

11 L’article en question, intitulé «Les dessous», est publié dans la Figaro du 11 août 1898 et s’ouvre sur une constatation qui rappelle les propos de Schuchardt: «Les français qui reviennent de l’étranger sont unanimes à constater qu’on n’y comprend rien à nos façons d’être et que les luttes ardentes établies autour de l’‘affaire’ y paraissent folles». Cornély y interpelle en effet «[s]es bons messieurs de l’étranger» (Cornély 1898).

12 Voir l. du 3 septembre 1898 (HS 148-24457) et du [11 septembre 1899] (HS 151-24457).

13 Cornu quittera l’université de Prague pour celle de Graz en 1901.

14 Schuchardt prendra sa retraite en 1900, malgré la courte durée totale de son service à Graz (24 ans seulement). Il faut ajouter que lors des négociations d’appel pour son entrée en fonction, il a pu faire compter ses deux années à Halle comme 10 ans d’ancienneté (voir HSA, Lebensdokumente).

15 Ioan Murnu, enseignant de grec, latin et français, directeur d’école à Xanthi and Bitolia, puis prêtre de l’Église grecque-catholique macédonienne à Budapest (1889-1912).

16 George Murnu (1868-1957), poète, historien et traducteur d’Homère.

17 G. Paris ne semble pas avoir réagi à la question de Schuchardt. Le manuscrit du dictionnaire de Murnu n’a jamais été publié; il se trouve aujourd’hui à la bibliothèque de l’Académie roumaine de Bucarest (No 4822-4825); voir Strempel (1992, 129-130).

18 Björnstjerne Martinius Björnsen (1832-1910), l’un des premiers défenseurs de Dreyfus. Auteur, dans le feuilleton de la Neue Freie Pressedu 26 septembre 1899, d'un «Offener Brief an Dreyfus» (Björnsen 1899).

Faksimiles: gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France (Sig. BnF, NAF 24457, fol. 84-86)