Hugo Schuchardt an Gaston Paris (116-24457)

von Hugo Schuchardt

an Gaston Paris

Graz

02. 03. 1893

language Deutsch

Schlagwörter: Académie française Académie des Sciences (Paris) Paris, Marguerite Dodgson, Edward Spencer Abbadie, Antoine d' Leiçarraga, Ioannes Savary, Marguerite Loth, Joseph Schuchardt, Hugo (1893) Paris, Gaston (1893) Linschmann, Theodor/Schuchardt, Hugo (1900) Schuchardt, Hugo (1893)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Gaston Paris (116-24457). Graz, 02. 03. 1893. Hrsg. von Ursula Bähler, Bernhard Hurch und Nicolas Morel (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11850, abgerufen am 09. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11850.


|1|

Graz 2 März 1893

Theurer Freund,

Die Vorwürfe die Sie in Ihrem liebenswürdigen Brief gegen sich selbst erheben, sind doppelt und dreifach unbegründet. Sie hatten mir in der That gleich nach Empfang meines Teufelchens im Namen Ihrer Tochter geschrieben; nun kommen zwei gleichzeitige, auf den gleichen Gegenstand sich beziehende und doch formell ganz verschiedene Postkarten auf die Nachwelt, und es wird einst des Scharfsinnes eines Gaston Paris bedürfen um das Verhältniss dieser beiden Redaktionen richtig zu stellen1.

Wenn sich jetzt Jemand Vorwürfe zu machen hätte, so wäre ich es. Denn wissen Sie bei welcher Beschäftigung mich gestern Ihr Brief traf? Ich rannte gerade gegen die festen Stellungen des lat. C an die von Ihnen vertheidigt werden. Gestern habe ich die kurze Anzeige2 schon abgeschickt; Sie werden mir es ver- |2| zeihen dass ich ohne Präambeln und Coda meine Einwände einen nach dem andern in ganz trockener Weise aufgezählt habe. In andern Fällen pflege ich wohl darauf hinzuweisen wie anregend die Schrift wirkt, wie man, auch wenn man mit dem Verf. nicht übereinstimmt, doch die Form seiner Auseinandersetzung bewundert u.s.w.; aber Ihnen gegenüber schien mir derlei nicht nöthig, oder besser gesagt, es schien mir Ihrer nicht würdig. Sie wissen wie sehr ich Ihnen, trotz der «Lautgesetze», trotz «ambulare», und nun trotz des C, zugethan bin.

So nehme ich denn schon längst an Ihrer Kandidatur für die Académie française den regsten Antheil. Ich wunderte mich gelegentlich der letzten Kandidaturen, wenigstens in unsern Zeitungen, Ihrem Namen nicht begegnet zu sein. Jetzt allerdings wird derselbe genannt. Ich bitte Sie mir die frohe Botschaft zu telegraphiren; es wird das doch noch nicht in der nächsten Zeit sein – ich verreise vor Ostern auf einige Wochen 3.

Ich werde an Dodgson in dem Sinne |3| Ihres Briefes schreiben4. Sie können ganz aufrichtig ihm sagen dass Sie von seinen phantastischen Neigungen5 schon gehört haben. Ich suche dieselben igni et ferro bei ihm auszurotten, weil er ein Mensch ist der bei seinem ausserordentlichen Sprachgedächtniss, seiner glühenden und aufopfernden Begeisterung im Stande wäre sehr Nützliches zu leisten. Was den Umfang der «Konkordanz» anlangt, so werde ich ihn veranlassen, denselben möglichst zu reduziren; es ist ja nicht nothwendig für ganz gewöhnliche Verbalformen sämmtliche Stellen auszuschreiben oder auch nur anzuführen.

Also vom Institut ist nicht zu erwarten dass es etwas für die baskischen Studien thue? Ich begreife sehr wohl wie es sich auch hier zunächst um Persönliches handelt. Sehen Sie Herrn A. d’Abbadie6 der ja dem Institut angehört, zuweilen? Er hat sich Zeit seines Lebens so sehr für das Baskische interessirt, so viel materielle Opfer für die Pflege desselben gebracht dass es mich wundert warum er nicht die Herausgabe alter baskischer Schriftdenkmäler hat fördern wollen. Ich bin ein armer Schlucker, aber ich versichere Sie wenn ich in Paris oder |4| in einer der Städte lebte wo sich ein Exemplar von LiçarraguesNeuem Testament findet, ich würde einen Neudruck auf meine Kosten veranstalten. Es kostet ja nicht gliocchidellatesta! Und sagen zu müssen dass eine solche Veröffentlichung die für alle Baskologen ein dringendes Bedürfniss ist, nicht durch wirkliche Bedenken verhindert wird, sondern durch äusserliche untergeordnete Umstände.

Ich bitte mich Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen und der kleinen Marguerite begreiflich zu machen dass sie einen fernen Verehrer besitzt. Wann werde ich das Glück haben ihr das mündlich zu sagen?

Wiederum habe ich Ihnen deutsch geschrieben; ich bin sehr gehetzt, insbesondere mit Korrekturen (die einer sehr langen Anzeige von Loth’s Buch7 habe ich in diesen Tagen erledigt).

Herzlichst

Ihr

HS.


1 Voir l. du 30 novembre 1892 (GP 112-08612) et du 26 février 1893 (GP 115-08614)

2 Compte rendu par Schuchardt (1893b) de l’article de G. Paris (1893a).

3 Schuchardt passera la période de Pâques 1893 à Gotha.

4 Voir l. du 18 février 1893 (HS 114-24457). Le 10 mars 1893, Dodgson avertit Schuchardt que G. Paris lui a rendu son manuscrit de la Concordance de Timothée (voir HSA 068-02418), «recommending me to offer it to the Philological Society, to which Professor Michel Bréal belongs, and saying that he agreed with my views as expressed in my letters on the subject» (HSA 069-2419).

5 On retrouve cette même expression, «phantastischen Neigungen», dans une lettre de Schuchardt à Dodgson du 2 mars 1893 (HSA 066-22).

6 Voir l. du 25 mai 1887 (GP 78-08594). Antoine d’Abbadie est président de l’Académie des sciences.

7 Compte rendu de l’ouvrage de Joseph Loth, Les mots latins dans les langues brittoniques (gallois, armoricain, cornique) (Schuchardt 1893c).

Faksimiles: gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France (Sig. BnF, NAF 24457, fol. 63-64)