Wilhelm Streitberg an Hugo Schuchardt (25-11329)

von Wilhelm Streitberg

an Hugo Schuchardt

Leipzig

18. 07. 1923

language Deutsch

Schlagwörter: language Armenischlanguage Germanische Sprachenlanguage Romanische Sprachen Vossler, Karl Schmidt, Johannes Frankreich Schuchardt, Hugo (1923) Vossler, Karl (1921) Schmidt, Johannes (1872) Hurch, Bernhard (2009)

Zitiervorschlag: Wilhelm Streitberg an Hugo Schuchardt (25-11329). Leipzig, 18. 07. 1923. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11833, abgerufen am 14. 12. 2025. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11833.


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Leipzig, 18.VII.23 Schillerstr. 7

Sehr verehrter Herr Hofrat,

Meinen herzlichsten Dank für Ihre liebenswürdige Gabe, die ein hochwillkommenes Zeugnis Ihrer wunderbaren Frische ist:1 möge ein gütiges Geschick diese Ihnen noch recht, recht lange erhalten!

Die große Bedeutung des Individuellen in der Sprachentwicklung leugne ich natürlich nicht, möchte aber nach wie vor den Generellen noch weit höher einschätzen. Oder sollen wir wirklich annehmen, etwa die Lautverschiebung im Nordindischen u. Tocharischen, im Armenischen u. Germanischen sei individuellen Ursprungs? Der Häuptling Wlf (um an Mauthners köstliche Freytag-Parodie anzuknüpfen)2 habe aus irgend welchem Grunde keine stimmlosen Verschlusslaute mehr sprechen können, seine Umgebung habe ihn nachgeahmt, die neue Sprechweise sei allmählich allgemein geworden? Oder die 3fache lettische Intonation sei von einem Individuum ausgegangen? Mir scheint nach wie vor das Individuelle in der Syntax u. im Wortschatz die Hauptrolle zu spielen; in der Lautentwicklung kann ich nur sehr geringe u. unsichere Spuren entdecken. Was Vossler durch eine äußerliche Kombination von Brunot u. Lavisse in seinem Büchlein über Frankreichs Kultur etc.3 bietet, entbehrt meines Bedünkens allzusehr des festen Untergrunds. – Aber auch wenn ich im Einzelnen von Ihren Auffassungen abweiche, folge ich Ihren aus der Fülle geschöpften feinsinnigen Darlegungen stets mit reicher Belehrung u. hohem Genuss.

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Vielleicht gestatten Sie zum Schluss noch eine Frage: Sie haben in Ihrem Vokalismus des Vulgärlateins die Schmidtsche Wellen- oder Kontinuitätstheorie4 (wenn auch mit Beschränkung aufs Romanische) völlig vorweg genommen; selbst wörtliche Anklänge scheinen vorhanden zu. Nun zitiert Schmidt Ihre Darstellungen nirgends: Da er sie gekannt haben muss, könnte dies nur bedeuten, dass er auf anderm Wege zu dem gleichen Ergebnis gekommen ist. Haben Sie niemals mit J. Schmidt darüber gesprochen?5 Denn über das Verhältnis von Schmidts Ausführungen zu den Ihrigen sind Sie doch gewiss meiner Meinung?

Mit den herzlichsten Wünschen Ihr ergebenster
W. Streitberg


1 Schuchardt, „Individualismus“, Euphorion. (16. Ergänzungsheft (=Festschrift für Bernhard Seuffert)), 1-8.

2 Eduard Mauthner (1824-1899), österr. Journalist, Übers. und Theaterkritiker.

3 Karl Vossler, Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung: Geschichte d. französ. Schriftsprache von d. Anfängen bis zur klass. Neuzeit, 3. Tsd. verm. durch Nachw., Nachträge, Berichtigungen u. Index, Heidelberg: Carl Winter, 1921 (Sammlung romanischer Elementar- und Handbücher: Reihe 4; Bd. 1).

4 Johannes Schmidt, Die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen, Weimar: Böhlau, 1872.

5 Vgl. dazu Bernhard Hurch, „Hugo Schuchardt“, in: Karl Acham (Hrsg.), Kunst und Wissenschaft aus Graz. Bd. 2.1., Kunst und Geisteswissenschaft aus Graz. Böhlau, Wien 2009, 1-20. - Schuchardt zufolge waren die Lautgesetze nicht ausnahmslos, sondern das Resultat von Überlagerungen und Interferenzen. Diese Wellentheorie wurde erstmals von Schuchardt 1870 in seinen Leipziger Vorlesungen vorgetragen und von Johannes Schmidt (1843-1901) weiterentwickelt.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11329)