Wilhelm Streitberg an Hugo Schuchardt (23-11327)
an Hugo Schuchardt
11. 10. 1922
Deutsch
Schlagwörter: Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (Berlin) Brugmann, Karl Friedrich Christian Böhtlingk, Otto von Schuchardt, Hugo (1921) Schuchardt, Hugo (1922) Schuchardt, Hugo (1917) Broch, Olaf (1917)
Zitiervorschlag: Wilhelm Streitberg an Hugo Schuchardt (23-11327). Leipzig, 11. 10. 1922. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11831, abgerufen am 17. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11831.
Leipzig, 11.X.22.1
Schillerstraße 7
Hochverehrter Herr Kollege,
Haben Sie meinen herzlichsten Dank für die freundliche Erfüllung meiner Bitte und für Ihren lieben Brief, der mir eine große Freude bereitet hat.
Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir Ihre Abhandlungen über „Possessivisch u. Passivisch“2 sowie über die iberische Inschrift3 geschickt haben u. an meiner unbescheidenen Bitte keinen Anstoß genommen haben. Mir ist ganz unverständlich, warum die Berliner Akademie so lächerlich wenig Sonderabzüge für den Buchhandel herstellen lässt: schon nach wenig Monaten ist jetzt alles vergriffen! Nicht nur bei Ihren Abhandlungen sondern auch bei verschiedenen |2| andern habe ich dieselbe traurige Erfahrung gemacht.
Ich habe bis jetzt nur flüchtig Ihre Aufsätze durchflogen, da ich durch den Abschluss von Jahrbuch 8 ganz in Anspruch genommen bin; aber das habe ich doch schon gesehen, dass sie eine Fülle von Anregungen enthalten, die mir höchst wertvoll sind. Sehr lehrreich ist mir die Untersuchung über Possessivisch u. Passivisch gewesen.
Die Abhandlung über Sprachverwandtschaft4 ist die einzige gewesen, die ich durch den Buchhandel erhalten konnte; ich danke Ihnen aber herzlich für Ihr liebenswürdiges Anerbieten.
Als kleine Gegengabe erlaube ich mir Ihnen den Nachruf auf Brugmann zu senden, dessen Sonderabzüge ich soeben erhalten habe.
Sehr willkommen war mir, was Sie über meinen Schwiegervater schreiben.5 Der Schmerz über seinen Verlust wird immer aufs neue wach; namentlich jetzt, da ich in Leipzig |3|bin – wie unvergleichlich schön hätte der tägliche Verkehr mit ihm sein können. Und doch – wenn ich denke, was er alles hätte erleben müssen, so sage ich mir: Gott sei Dank, dass es ihm erspart geblieben ist!
Ich wohne übrigens nicht in seiner Wohnung (Stephanstr. 10), sondern in der Brugmanns. Böhtlingk hat früher in der Seeburgstraße, unmittelbar neben meinem Schwiegervater gewohnt, dann zog er nach Hospitalstraße 25. Wie manchen Abend habe ich bis Mitternacht mit ihm zusammengesessen! Ich wollte nur, ich hätte alle seine schönen Geschichten aus der Frühzeit der idg. Sprachwissenschaft mir aufgezeichnet! Das meiste ist mir leider jetzt entschwunden.
Der Nachruf Brochs6 hat mich – offen gestanden – stark verstimmt. Der gute Broch (den ich persönlich kenne) ist mit seiner Gedankenarmut der letzte, der so anmaßlich von oben herunter über einen Leskien sprechen darf.7 Übrigens hat er während des |4| Krieges seine deutschfeindliche Gesinnung mehrfach in unerfreulicher Weise bekundet.
Mein Schwiegervater hat Ihrer [in] stets treuer Freundschaft gedacht; gern sprach er von einer gemeinsamen Wanderung in Graubünden. Meine Frau erinnert sich Ihrer lebhaft; sie lässt Sie vielmals grüßen. Ich weiß nicht, ob Sie sich Ihrer noch erinnern: sie ist die älteste Tochter Ls. (Gertrud).
Bei Stumme8 werde ich, so bald ich ihn wieder sehe, auf den Busch klopfen. Doch muss ich Sie bitten, sich etwas zu gedulden, da ich ihn nur selten zu Gesicht bekomme. Ich werde Ihnen sofort das Ergebnis der Nachfrage mitteilen.
Mit den besten Wünschen für den Winter, der leider trüb und dunkel vor uns liegt, bleibe ich in
herzlicher Verehrung
stets Ihr ergebenster
Wilh. Streitberg
1 Antwort auf Schuchardts Brief vom 3.10.1922.
2 Schuchardt, „Possessivisch und Passivisch“, Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften 41, 1921, 651-662.
3 Schuchardt, „Die iberische Inschrift von Alcoy“, Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften 42, 1922, 83-86.
4 Schuchardt, „Sprachverwandtschaft“, Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 37, 1917, 518-529.
5 August Leskien war am 20.9.1916 in Leipzig verstorben.
6 Olaf Broch, Mindetale over professor dr. August Leskien, holdt i den hist.-filos. Klasses møte den 23de februar 1917, in: S. A. Vidensskapser Forhandlinger 1917, 66-78. – Broch hatte bei Leskien in Leipzig und Jagić in Wien studiert.
7 Da ist Streitberg überempfindlich. Der Nachruf enthält eine anerkennende Würdigung Leskiens und endet: „Men kanske gav netop dette træk hans personlighet dens rolige harmoni, dens præg av uforanderlig soliditet. Kanske blev det netop derfor at 70-aarens lærde Leipzigkreds fra sine sprogteoretiske diskussioner selv fik indrykket av Leskien som centret for deres nyvundene teoretiske sprogerkjendelse. – Lægger vi til denne rolige harmoni en fin og alsidig dannelse, interesser til mange kanter, den elskværdigste jevne omgjæanglihet og varm gjestfrihet, hjælpsomhet i raad og daad, saa forstaar De nok, at vort selskap i Leskien har mistet er medlem som var os til høieste hæder; at varm og inderlig kjærlighet slutter sig om hans minde hos dem som hadde den lykke at staa ham nær“ (78) [= „Aber vielleicht verlieh dieses besondere Merkmal seiner Persönlichkeit ihre ruhige Harmonie und unveränderliche Zuverlässigkeit. Vielleicht hat gerade deshalb der Leipziger Kreis seit den 70er Jahren bei seinen sprachtheoretischen Diskussionen den Eindruck gewonnen, Leskien sei das Zentrum der neuen theoretischen Sprachwissenschaft. Fügt man zu seiner ruhigen Ausgeglichenheit noch eine feine und umfassende Bildung, vielseitige Interessen, Höflichkeit, Fürsorge, herzliche Gastfreundschaft sowie Hilfsbereitschaft in Rat und Tat hinzu, dann versteht man, daß wir in Leskien einen herausragenden Menschen verloren haben. Diejenigen, die das Glück hatten, ihm nahe zu stehen, erinnern sich seiner mit warmer und herzlicher Zuneigung“ (Übers. FRH).
8 Hans Stumme (1864-1936), Orientalist in Leipzig; vgl. HSA 11356-11394.
