Hugo Schuchardt an Wilhelm Streitberg (22-HSWS-08)

von Hugo Schuchardt

an Wilhelm Streitberg

Graz

03. 10. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: Sitzungsberichte der königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften Universität Tübingenlanguage Berberischlanguage Ungarischlanguage Sorbisch Stumme, Hans Broch, Olaf (1917) Schuchardt, Hugo (1922)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Wilhelm Streitberg (22-HSWS-08). Graz, 03. 10. 1922. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11830, abgerufen am 13. 03. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11830.


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Graz, 3.10. ‘22 1

Lieber hochgeehrter Kollege,

Ich schicke Ihnen unter Kreuzband meine fünf glottologischen Aufsätzchen ohne mir Zeit zu nehmen ein paar Druckfehler zu verbessern. Des Einschreibens habe ich die Sendung nicht für wert erachtet, obwohl einige der Exemplare die letzten verfügbaren sind. [am linken Rand: Ob Sie auch „Sprachverwandtschaft“ (haben) habe ich aus Ihren Worten nicht mit Sicherheit entnehmen können. Es steht zu Diensten.) Ich hätte Sie und noch Andere von vornherein damit bedacht wenn ich nicht auf diejenigen am meisten Rücksicht genommen hätte, denen die SB der Berl. Ak. d. W. am wenigsten zugänglich waren. Eine letzte dieser Kleinigkeiten ist zwar schon vor mehreren Wochen gesetzt worden, aber in den SB S. 160 (hier ist übrigens Subjektive Beziehungen in …ung zu verbessern) mit dem übelklingenden Zusatz |2| „Erscheint später“ versehen. Da ich noch verschiedene Vorgänger desselben Titels habe, so muß ich mich auf das Erscheinen noch einige Zeit gedulden, und ich hatte mich mit dem Ding etwas übereilt, um noch bei meinen Lebzeiten die Antwort auf einige Fragen zu bekommen! Es wird Ihnen in formaler Hinsicht recht unreif vorkommen.

Auch mir ist die Erinnerung an Ihren lieben Schwiegervater2 jüngst in besonderer Weise lebendig geworden. Mein erstes Leipziger Jahr 1870/71 (als Privatdozent) war auch sein erstes (als Extraordinarius). Wir wurden beide Mitglieder einer Tischgesellschaft beim Restaurateur Hahn (zum Palmenbaum? – Beköstigung ziemlich das was man hierzuland Schlangenfraß nennt), die außer uns aus einem Mineralogen, Zoologen, Geologen, Nationalökonomen, Physiker, zwei Ärzten (Dumas, Schwiegervater von Credé3 und |3|Blass, leben sie etwa noch?) und einem Buchhändler (Köhler)4 bestand, wenn ich niemanden vergessen habe. Nun finde ich in einem damaligen Brief an meine Eltern, daß wir beiden Sprachforscher gegen die Bezeichnung „Philologen“, die uns von den übrigen zuteil wurden, lebhaften Einspruch erhoben. Ich wundere mich selbst darüber, dass ich in jener Zeit von den klassischen Philologen, aus denen ich doch hervorgegangen war, nichts wissen wollte; ich war geneigt die Sprachwissenschaft nicht den Geisteswissenschaftlern sondern den Naturwissenschaften zuzurechnen. Leskien und ich standen wohl beide noch im Banne Schleichers.5 In grundsätzlichen Fragen gab es schwerlich schon einen Zwiespalt zwischen uns, und selbst später haben die Lautgesetze und die Weltsprache unser freundschaftliches Verhältnis nicht getrübt. Zum letzten Mal sah ich Leskien gegen Ausgang des Jahrhunderts |4| und zwar in derselben Wohnung, die wie ich denke, Sie jetzt innehaben. Ich speiste bei ihm zu Mittag, und dann kamen die über ihm wohnenden Böhtlingks6 herab. Ich habe nun ein Dutzend Briefe von ihm, nicht allzukurze überflogen, die über Gesundheitliches, Berufliches, Wissenschaftliches berichten und auch Brochs in der Akademie von Christiania Gedenkrede habe ich jetzt gelesen.7 Ob ich in seinen Erzählungen immer eine gute Figur gemacht habe, bezweifele ich; aber ich sage mea culpa, ich habe Zeit meines Lebens sehr stark von meinen Nerven zu leiden gehabt, besonders in meinem ersten Universitätsjahr.

Zum Schluß noch eine Bitte, wenn sie sich leicht, aber zugleich auch unauffällig erfüllen läßt. Der mir seit langem befreundete Orientalist Hans Stumme8 in L. erfreut sich wie Sie wahrscheinlich wissen werden, eines erstaunlichen Talentes |5| zur Aneignung fremder Sprachen und liebt es gelegentlich Proben davon zu geben; so streut er manchmal auf Karten an mich berberische, madjarische u. a. Sätze ein, doch geht er dabei nicht über die Grenzen hinaus die meinen eigenen Sprachkenntnissen gesetzt sind. Davon ist er nun in einem längeren Brief abgegangen, den er mir im März d. J. schrieb und der mir völlig dunkel geblieben ist. Obwohl er mir im vorhergehenden Monat vom Wendischen als seinem Abendsport geschrieben hatte (mit Erwähnung einer wendischen Großnichte) konnte ich doch nichts Slawisches in dem Geschriebenen entdecken. Da im Eingang Bernhard Struck aus Dresden9 genannt war (dann auch Littmann10 und ZDMG11, schließlich aber Bautzen und Wendam12 ) so dachte ich an irgend eine afrikanische Sprache, konnte aber in dieser Richtung nichts passendes finden. |6| Ich machte allerdings keine sehr ernstlichen Anstrengungen, sondern begnügte mich – der Fabel von dem Frühstück bei Fuchs und Storch gedenkend – damit an Stumme die ersten Zeilen der im Druck beifolgenden iberischen Inschrift zu senden.13 Ein paar Monate später richtete ich an St. die Frage, welchen Lehrstuhl Friedrich Braun14 in Leipzig einnehme, der mit mir in Briefwechsel getreten war. Wieder bediente sich St. auf seiner Antwortkarte des betreffenden Idioms. Ich hatte kurz darauf Anlaß an den Orientalisten Littmann in Erlangen zu schreiben und benutzte die Stelle des Briefes von St., an der dieser vorkommt, und brachte sie in meiner Karte vor, als ob Littmann sie verstehen müßte. Der aber erklärte mir, auch ihm habe St. einmal in dieser rätselhaften Sprache geschrieben. Auf diese Weise läßt sich doch die Korrespondenz nicht fortführen; das Einfachste aber, St. selbst fragen was er damit meine, verbietet sich; man kann dabei leicht dem Fluch der Lächerlichkeit verfallen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr erg.

HSchuchardt


1 Dies ist der letzte erhaltene Brief Schuchardts, aber sicherlich nicht der letzte dieser Korrespondenz.

2 August Leskien war am 20.9.1916 in Leipzig verstorben.

3 Carl Siegmund Franz Credé (1819-1892), Prof. Dr. med.

4 Karl Franz Köhler (1843-1897), Buchhändler und Barsortimenter.

5 August Schleicher (1821-1868), Sprachwissenschaftler und Indogermanist in Jena; vgl. HSA 10058-10060.

6 Otto von Böhtlingk (1815-1904), Sanskritist; vgl. HSA 01193-01198.

7 Olaf Broch, Mindetale over Prof. August Leskien, S. A. Vidensskapser Forhandlinger 1917, 66-78.

8 Hans Stumme (1864-1936), Orientalist in Leipzig; vgl. HSA 11356-11394.

9 Bernhard Struck (1888-1971), deutscher Völkerkundler und Anthropologe, zu diesem Zeitpunkt noch an der Univ. Tübingen und erst 1923 Kustos am Museum für Völker- und Tierkunde in Dresden.

10 Enno Littmann (1875-1958), deutscher Orientalist.

11 Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.

12 Alte Form für „Wien“ (Vendobona).

13 Schuchardt, „Die iberische Inschrift von Alcoy“, SB. d. Berl. Ak. d. W. 1922, 83-86.

14 Friedrich Braun (1862-1942), Leipziger Professor für Germanische Philologie; vgl HSA 01303-01307.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universitätsbibliothek Leipzig. (Sig. HSWS)