Wilhelm Streitberg an Hugo Schuchardt (15-11320)
an Hugo Schuchardt
15. 10. 1905
Deutsch
Schlagwörter:
Baskisch
Semitische Sprachen Uhlenbeck, Christian Cornelius Schuchardt, Hugo (1906) Schuchardt, Hugo (1903) Uhlenbeck, Christian Cornelius (1899) Uhlenbeck, Christian Cornelius (1900) Trombetti, Alfredo (1905) Trombetti, Alfredo (1897) Bopp, Franz (1868)
Zitiervorschlag: Wilhelm Streitberg an Hugo Schuchardt (15-11320). Münster, 15. 10. 1905. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11823, abgerufen am 09. 12. 2025. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11823.
Münster, 15.10.05 1
Verehrter Herr Hofrat,
Haben Sie herzlichen Dank für Ihren liebenswürdigen Brief und den kleinen Aufsatz, dessen Korrektur Sie wohl schon in den nächsten Tagen erhalten werden.2
Ihre Mitteilung über Uhlenbeck interessiert mich sehr, wenn ich auch leider vom Baskischen nichts verstehe: Uhlenbeck3 hat seine beiden Lexika vollständig aus der Hand gegeben,4 da er sich fortan nur dem |2| Baskischen widmen werde: jetzt wird er wohl diese Kindesaussetzung einigermaßen bereuen.
Von Trombettis Buch5 habe ich noch nichts gehört und gesehen. Ich sehe ihm mit grosser Spannung, aber auch nicht geringer Skepsis entgegen: das wenig glückliche Heftchen, das er vor einigen Jahren veröffentlichte, macht mir für das große Werk Sorge.6 Auf dem damals eingeschlagenen Weg wird er niemals sein Ziel erreichen.
Aber auch wenn er neue |3| Bahnen gewählt haben sollte, kann ich mich schwerer prinzipieller Bedenken nicht entschlagen. Und zwar sind es – ganz kurz gesagt – diese:
Im Idg. sind wir glücklich so weit gekommen, dass wir ungefähr die Form der urspr. Wörter kennen. Wir können sogar noch hier und da einen Blick in ihren Aufbau, ihre Struktur tun. Im Semitischen aber fehlt sogut wie alle Vorarbeit. Die semit. Grammatik steht auch heute noch auf einer Stufe, die an die vorboppsche Zeit der idg. Gramm. erinnert.7|4| Ich kenne bisher nur einen Semitisten, der moderne Prinzipien auf die Erforschung der sem. Gramm. angewendet hat: Das ist mein ehemaliger Kollege Grimme.8 Ich darf mir selber einen gewissen Einfluss dabei zuschreiben, dass er die alte u. veraltete Methode der Semitisten verlassen hat.
Aber Grimmes Forschungen stehen erst am Anfang und haben verzweifelt wenig Verständnis gefunden.
So lange es noch nicht gelungen ist, die „Urform“ der semitischen Wörter klarzulegen, die Entwicklung der semitischen |5| Flexionsform wenigstens einigermaßen aufzuhellen; solange insbesondere das ja diesem Zwecke unentbehrliche, weil grundlegende Kuschitische so gut wie gar nicht verwertet worden ist, so lange kann man von einer auch nur halbwegs soliden Basis beim Semitischen nicht reden. Solange haben wir es mit zwei inkommensurabeln Größen zu tun.
Holt Trombetti in seinem großen Werke diese unerlässlichen Vorarbeiten nach – in seiner Broschüre ahnt er sie nicht einmal – so wird das nie- |6| mand dankbarer und freudigern Herzens anerkennen als ich. Tut er es nicht – dann kann ich der „Wurzelvergleichung“ wenig Vertrauen entgegen bringen; dann halte ich seine Operationsbasis für methodisch unzulänglich, den Versuch für verfrüht, für aussichtslos.
Unter diesen Umständen bin ich natürlich sehr gespannt, ob sich meine Befürchtungen bewahrheiten werden oder nicht. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie mir durch eine Karte |7|anzeigen wollten, ob das Buch schon erschienen ist und ev. wo, damit ich Sorge tragen kann, dass ein Rezensionsexemplar geliefert werde.
Darf ich schließlich noch einen – nicht wissenschaftlichen, sondern rein menschlichen Grund meines Misstrauens gegen den neuen Heiland der Sprachwissenschaft nennen, so ist es der, dass schon vor Jahr und Tag eine wilde, fast groteske Reklame in allen Tagesblättern die ungelegten Eier Trombettis angepriesen hat: wie konnte Tr. dies dulden, wie konnte |8| er dieses Tam-Tam-Getöse veranlassen – denn wer anders als er kann der moralische Urheber all der Mitteilungen sein?
Verzeihen Sie, wenn ich mehr als ich sollte, der „Skepsis a priori“ das Wort geliehen habe. Sie wird mich natürlich nicht abhalten, die methodischen Grundlagen von Trs. Konstruktionen mit aller Sorgfalt u. Unbefangenheit zu prüfen – die methodische Grundlage freilich vor allem andern.
In herzlicher Verehrung
Ihr ergebenster
Streitberg
1 Antwort auf Schuchardts Brief aus Straßburg vom 12.10.1905.
2 Schuchardt, „Über den aktivischen und passivischen Charakter des Transitivs“, Indogermanische Forschungen. Zeitschrift für indogermanische Sprach- und Altertumskunde 18, 1906, 528-531.
3 Vermutlich Schuchardt, „[Rez. von:] C. C. Uhlenbeck, Beiträge zu einer vergleichenden Lautlehre der baskischen Dialecte“, Museum. Maandblad voor philologie en geschiedenis 10, 1903, 393-406.
4 Christianus C. Uhlenbeck, Kurzgefasstes etymologisches Wörterbuch der altindischen Sprache, Amsterdam: Müller, 1899; Ders., Kurzgefasstes etymologisches Wörterbuch der gotischen Sprache, Amsterdam; Müller, 1900.
5 Alfredo Trombetti, L‘unità d'origine del linguaggio, Bologna: Beltrami, 1905.Trombetti vertritt hierin die These der Monoglottogenese.
6 Alfredo Trombetti, Indogermanische und semitische Forschungen; vorläufige Mittheilungen, Bologna: Virano, 1897.
7 Franz Bopp, Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Send, Armenischen, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Berlin: Dümmler, 1868 u.ö.
8 Hubert Grimme (1864-1932), deutscher Semitist, der zunächst in Fribourg, ab 1920 in Münster lehrte.
