Hugo Schuchardt an Wilhelm Streitberg (14-HSWS-07)
von Hugo Schuchardt
12. 10. 1905
Deutsch
Schlagwörter: Indogermanische Forschungen
Baskisch Brugmann, Karl Friedrich Christian Graz Leipzig Schuchardt, Hugo (1906)
Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Wilhelm Streitberg (14-HSWS-07). Straßburg, 12. 10. 1905. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11822, abgerufen am 09. 12. 2025. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11822.
GRAND HÔTEL
DE LA
VILLE DE PARIS
E. HAMPELE
TELEGRAMM-ADRESSE
„PARISERHOF
“STRASSBURG i/E. den 12 Okt 1905
Sehr geehrter Herr Kollege.
Schon seit einiger Zeit wollte ich Ihnen irgendetwas schicken, aber bei meiner πολυπραγμοσύνη1 komme ich immer nur zum Abschluss von sehr wenigem. Nun bin ich in diesen Tagen durch eine kleine Influenza hier festgehalten worden und da ist mir eingefallen einmal etwas aus dem Stegreif abzufassen; die Entbehrung aller Litteratur hat ja manchmal auch ihr Gutes. Wenn ich diese Sache zu Hause hätte behandeln wollen, so wäre daraus eine grosse Abhandlung oder, noch wahrscheinlicher, Nichts geworden. Wenn Ihnen der Artikel an dessen baldigem Abdruck mir allerdings liegen würde, nichts für die Idg. F. geeignet scheinen sollte,2 so bitte mir das nach Graz zu melden, wohin ich jetzt zurückkehre.
Ich habe kürzlich Uhlenbeck3 in Leipzig besucht; er will das Baskische, obwohl er sich fortwährend dafür interessiert, nun doch nicht mehr bearbeiten. Er meint, er sähe ein, dass ihm dazu romanistische |2| Kenntnisse nötig wären. Für Studien über die baskische Konjugation sind sie aber ganz entbehrlich.
Ich bedauere stets von Neuem dass Brugmann grössere Rücksicht auf die Vorfahren als auf die Nachfahren genommen und das Wortungetüm indogermanisch belassen hat, das nun nicht bloss 6 und 7 silbige Nachkommen wie protoindogermanisch u. ä. erzeugt hat, sondern auch dem gleich schönen Zwilling indoeuropäisch das Leben sichert. Konnte man für arisch nicht indopersisch sagen?
In grösster Eile –
mit besten Grüssen
Ihr ergebener
HSch
1 Polypragmosyne: Vielgeschäftigkeit, eine Gewohnheit oder psychischen Zwang, sich in Alles und Jedes zu mischen.
2 Schuchardt, „Über den aktivischen und passivischen Charakter des Transitivs“, Indogermanische Forschungen. Zeitschrift für indogermanische Sprach- und Altertumskunde 18, 1906, 528-531. Zu Beginn heißt es: „Was von mir und andern (auch hier) über diesen Gegenstand gesagt worden ist, will und muß ich in der folgenden Skizze unberücksichtigt lassen, zu der ich Anlaß und Muße einer unfreiwilligen Reiseunterbrechung verdanke“ (Ende von FRH durch Fettdruck hervorgehoben).
3 Christian Cornelius Uhlenbeck (1867-1951), niederländ. Sprachwissenschaftler; vgl. HSA 11908-11987.
Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universitätsbibliothek Leipzig. (Sig. HSWS)
