Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (03-356)

von Hugo Schuchardt

an Jan Baudouin de Courtenay

Graz

12. 06. 1884

language Deutsch

Schlagwörter: Vergleichende Sprachwissenschaft Universität Graz Rossijskaja Akademija Nauk (St. Petersburg)language Maimatschin-Dialektlanguage Russischlanguage Französisch Miklosich, Franz von Krek, Gregor Schmidt, Friedrich

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jan Baudouin de Courtenay (03-356). Graz, 12. 06. 1884. Hrsg. von Wolfgang Eismann und Bernhard Hurch (2014). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1181, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1181.


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Graz, 12. Juni 1884

Verehrter Herr Kollege,

Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihren liebenswürdigen und inhaltreichen Brief. Was die Litteratur des Chino-russischen anlangt so ist mir bis jetzt Nichts davon zu Gesichte gekommen, aber die Existenz einer solchen war mir bekannt. Miklosich hatte mich schon vor Jahren auf einen Aufsatz in den Izvêstija der russischen Academie aufmerksam gemacht, doch entsann er sich des Näheren nicht und ich konnte nicht ermitteln in welchem Band er sich fände. Es ist also der von Čerepanov, aus dem Sie die Güte gehabt haben mir Auszüge mitzutheilen. Es waren mir noch Reisebeschreibungen in russischer Sprache genannt worden in denen Angaben über den betreffenden Jargon enthalten seien; diese sowie diejenigen Schriften die Sie mir bezeichnen, werde ich mir im Laufe der Zeit zu verschaffen suchen. |2| Da Sie mich auf meinen Kollegen Krek verweisen so muss ich Ihnen offen gestehen dass wir seit längerer Zeit nicht miteinander verkehren; und damit Sie nicht in eine bei den jetzigen Zeitläuften sehr naheliegende Vermuthung verfallen, muss ich hinzufügen dass das Zerwürfnis daher kam dass ich die Ernennung des Prof. Gustav Meyer1 zum Ordinarius befürwortete, er sie bekämpfte.

Zu meinem Erstaunen erfahre ich von Ihnen dass die Chinesen Handbücher des Kjachtinischen Jargons besitzen. Ich spüre den lebhaftesten Appetit danach und da ich aus allen Theilen der Erde mir schon alle möglichen Handschriften im Drucke verschafft habe so würde ich auch hier an der Erreichung meines Wunsches nicht verzweifeln wenn ich irgend welche Adressen in Kiachta hätte; zu diesem Zwecke würden auch die von Kaufleuten ausreichen, vorausgesetzt dass Sie Anlage zur Gefälligkeit besitzen. Freilich hege ich die Besorgniss |3| dass mir hierbei meine Stammes- und Landesangehörigkeit im Wege stehen könnte. Denn ich kann es nicht als einen blossen Zufall betrachten dass von allen Briefen die ich nach Sibirien richtete (ich wünschte insbesondere Auskunft über die Art und Weise wie die einheimischen Völker etwa das Russische corrumpiren) kein einziger beantwortet worden ist,* während ich mit Leuten die für die faulsten der Welt gelten, Indoportugiesen, Mulatten, Negern u. s. w., in Korrespondenz stehe.

Ich sagte Ihnen schon dass ein Herr Th. von Busse2 mir sehr bereitwillig versprach (ich habe ausführliche Briefe von ihm) Nachrichten über das Chino-russische von Wladiwostok zu senden, wohin er im August 1882 abzureisen gedachte. Er hatte dort irgend eine officielle Stellung (er schrieb er sei durch sein Amt an das Südussurigebiet gebunden). Im Februar d.J. wandte ich mich an Herrn F. Schmidt von der Petersburger Akademie um zu erfahren was aus Herrn von Busse – er hatte mich an diesen gewiesen – |4| geworden sei; aber auch hier erhielt ich keine Antwort. Wenn Sie meine wissenschaftlichen Interessen nach dieser Richtung hin auch ferner zu fördern die Güte haben wollten so würden Sie mich insbesondere durch eine gelegentliche Anfrage bei einem Ihrer Petersburger Bekannten nach dem Verbleib des Herrn von Busse lebhaftest verpflichten. Es scheint mir doch nicht unwichtig von verschiedenen Punkten der russisch-chinesischen Grenze Proben des Jargons zu erhalten.

Wenn ich von hier aus Ihnen mit irgend Etwas dienen kann, so verfügen Sie über mich.

*) ich schrieb natürlich französisch.

Ich bin in vorzüglicher Hochachtung

Ihr dankbarer und ergebener

Hugo Schuchardt


1 Gustav Meyer (1850–1900) Indogermanist, insbesondere Albanologe und Gräzist, Ordinarius für Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Graz.

2 Th. von Busse war Verwaltungsbeamter. In der Tat liegen im Nachlaß Schuchardts 3 ausführliche und materialreiche Briefe von v. Busse, der letzte aus Wladiwostok vom März 1884, den Schuchardt zu diesem Zeitpunkt aber offenbar noch nicht erhalten hatte (vgl. folgender Brief Lfd. Nr. 4).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archiv der Petersburger Akademie der Wissenschaften. (Sig. 356)