Hugo Schuchardt an Gaston Paris (33-24456)
von Hugo Schuchardt
an Gaston Paris
15. 10. 1879
Deutsch
Schlagwörter: Diezstiftung Romania (Zeitschrift) Etymologisches Wörterbuch der Romanischen Sprachen (Diez) Havet, Louis Scheler, August Paris Graz Andalusien Schuchardt, Hugo (1867) Schuchardt, Hugo (1872) Schuchardt, Hugo (1878) Havet, Louis (1877) Paris, Gaston (1878) Böhmer, Eduard (1879) Brink, Bernhard ten (1879) Paris, Gaston (1879) Schuchardt, Hugo (1870) Havet, Louis (1874) Diez, Friedrich Christian/Scheler, Auguste (1878) Bähler, Ursula (2004) Diez, Friedrich Christian (1853) Schuchardt, Hugo (1875)
Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Gaston Paris (33-24456). Graz, 15. 10. 1879. Hrsg. von Ursula Bähler, Bernhard Hurch und Nicolas Morel (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11740, abgerufen am 17. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11740.
Graz 15 Okt. 79.1
Lieber Freund!
Als ich neulich mich einige Tage in Paris aufhielt, hatte ich nicht das Glück Sie zu treffen2; man sagte mir zwar, dass Sie jeden Freitag in die Stadt kämen, aber es war mir unmöglich, bis zu dem Tage zu warten. So rufe ich mich denn schriftlich dem Freunde in’s Gedächtnis zurück. Ich darf nicht sagen, «dem Kollegen», denn fast habe ich – durch meine Unproductivität – das Recht auf diesen Titel verwirkt. Ich kann nicht läugnen, dass ich die fieberhafte Hast, welche sich seit einiger Zeit in den romanischen Studien fühlbar macht und vielerlei Verwirrung und Zersplitterung nach sich zieht, mich etwas zurückschreckt. Die mannigfachen |2| Verhandlungen wegen der Priorität einer wissenschaftlichen Behauptung, welche jetzt stattfinden, sind wirklich sehr peinlich und müssen auf alle etwas ferner Stehenden einen ungünstigen Eindruck machen. Und dennoch lassen sie sich nicht vermeiden; denn jede Freude an der Arbeit muss schwinden, wenn die Ergebnisse derselben Gefahr laufen, von den Späteren völlig übersehen zu werden. Ich selbst hätte manche Gelegenheit gehabt, gewisse «neue Entdeckungen» schon in meinem Vokalismus nachzuweisen, so die vom Klang, nicht Dauer, die ich auch seit 1870 mündlich lehre3. Allein ich habe bis jetzt mich dessen enthalten. Doch als ich jetzt nach 8 monatlicher Abwesenheit von Graz (ich habe u. A. 5 Monate in Andalusien zugebracht) die aufgespeicherte |3| romanistische Litteratur dieses Jahres durchmustere, finde ich in der Romania VIII, 128 eine Anmerkung, welche ich doch berichtigt sehen möchte4. Die Etymologie froisser = frustiare ist von mir schon 1870 (Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen p. 95) mit Hinweis auf rätoromanische und italienische Formen aufgestellt worden; daher wird sie HavetRomania III, 328 (nicht 338) haben6. Hätten Sie die Güte, dies gelegentlich in der Romania zu bemerken? Natürlich brauchen Sie nicht hinzuzufügen (da es sich um etwas ganz Objektives und Klares handelt), dass ich Sie darauf aufmerksam gemacht habe. Ich würde mich über Scheler7 beklagen, der ja auch bei vide = *vocitus (wofür wie Sie am Besten wissen, mir die Priori |4| tät zusteht)8 meiner nicht gedenkt, allein wenn einmal von anderer Seite ihm die Quellen der Etymologieen nachgewiesen werden sollen, für die er keinen Gewährsmann anführt, so muss dies doch in vollständiger Weise geschehen. Sie nehmen mir hoffentlich diese Bitte nicht übel.
Mit herzlichsten Grüssen
Ihr treu ergebener
Hugo Schuchardt
1 Cette lettre suit une pause de plus de deux ans dans la correspondance entre les deux savants, qui ne semble pas due aux débats autour de la fondation Diez.
2 Schuchardt était parti en février 1879 pour un voyage d’études de six mois à Séville et à Madrid qui l’avait également conduit à Barcelone, Valence, Grenade, Cadiz, Tétouan et Tanger. C’est sur le chemin du retour de ce voyage qu’il passa brièvement par Paris.
3 Référence à la diphtongaison des voyelles latines ĕ et ŏ en ie et uo, problème amplement discuté dans ces années. Dès le IIe volume de sa thèse, Schuchardt (1867, 328-335) pose le principe selon lequel, dans ce genre d’évolution, ce n’est pas la quantité qui est l’élément essentiel. De manière générale, il considère la diphtongaison comme un processus dissimilatoire soumis à des variations internes et externes qui conduit à des résultats différents selon les régions. Schuchardt (1872, 284-289; 1878) revient en détail sur ce sujet en étudiant des aires géographiques des Balkans jusqu’à la Romania de l’ouest. La distinction Dauer vs. Klang résulte de la correction d’un malentendu chez Diez qui, à partir du provençal, avait interprété les termes larg et estreit comme ‘long’ et ‘court’, alors qu’il faut comprendre le premier comme ‘ouvert’ et le second comme ‘fermé’. Havet (1877), G. Paris (1878, 124), Böhmer (1878b) et ten Brink (1879) prolongent cette discussion sans toujours rendre justice aux travaux de Schuchardt.
4 Il s’agit du compte rendu de G. Paris de la réédition de l’Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen de Diez, par A. Scheler(Paris 1879). Une note à la page 127 (non pas 128) donne à Havet la primauté de l’étymologie froissier de *frustiare.
5 Cette étymologie est effectivement relevée par Schuchardt dans sa thèse d’habilitation (Schuchardt 1870b, 9).
7 August Scheler (1819-1890) donna, en 1878, une édition de l’Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen de Diez (Diez & Scheler 1878). Voir également Bähler 2004, 678‑85.
8 Schuchardt est en effet cité mal à propos par Scheler (Diez et Scheler 1878, 743‑44), qui donne une référence au Vokalismus et non à l’article «Étymologies» paru dans la Romania (Schuchardt 1875a).
Faksimiles: gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France (Sig. BnF, NAF 24456, fol. 451-452 [+797?¨])
