Gottlieb Haberlandt an Hugo Schuchardt (01-04259)
an Hugo Schuchardt
07. 05. 1899
Deutsch
Schlagwörter:
Mittellatein Bischoff, Gottlieb Wilhelm (1830)
Zitiervorschlag: Gottlieb Haberlandt an Hugo Schuchardt (01-04259). Graz, 07. 05. 1899. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11595, abgerufen am 12. 03. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11595.
Graz, 7. Mai 1899
Verehrter Herr College!
Leider kann ich Ihnen auf Ihre Anfrage keine bestimmte Antwort geben. Die Durchsicht der mir im bot. Institut zur Verfügung stehenden Litteratur hat nur das Resultat ergeben, daß Joseph Gaertner (1731-1791) in seinem klassischen Werke „De fructibus et seminibus plantarum, 1788-1807“ den Ausdruck Arillus bereits im Sinne von „Samenmantel“ gebraucht hat. Doch scheint der Terminus nicht erst von ihm eingeführt worden zu sein. Er stammt vielleicht |2| schon aus der linnéischen, ja vorlinnéischen Zeit. In der That ist ja der Samenmantel bei manchen Pflanzen, z. B. der Muskatnuß, ein so auffälliges Gebilde, daß schon frühzeitig das Bedürfniß nach einem wissenschaftl. Terminus sich eingestellt haben wird.
Daß arillus im mittelalterl. Latein im Sinne von „Weinbeerkern“ gebraucht wurde, giebt einen Fingerzeig dafür, auf welche Weise das Wort arillus in die bot. Terminologie Eingang gefunden hat. Die Samen der Weintraube besitzen nämlich eine saftige fleischige Hülle (Abgesehen natürlich vom eigentlichen Fruchtfleisch), die von einigen Autoren |3| des vorigen Jahrhunderts für einen Samenmantel gehalten worden ist. Noch Bischoff (Handbuch der bot. Terminologie, 1830, Bd. I. p. 506)1 weist darauf hin, daß „die Schwierigkeit in der Unterscheidung des Samenmantels noch vermehrt wird durch die sog. saftigen oder beerenartigen Samen“, für die er als Beispiel die Samen von Vitis anführt. Jener Autor, welcher den Ausdruck arillus = Samenmantel eingeführt hat, war also offenbar der Ansicht, daß die Samen von Vitis einen Samenmantel besitzen u. hat dem die mittelalterliche Bezeichnung für den ganzen Samen zur Bezeichnung für seine Hülle u. die analogen |4| Bildungen bei den andern Pflanzen angemerkt. –
Für das interessante Florenwerk, das der Institutsbibliothek einverleibt werden soll, danke ich herzlich.2
Mit den besten Grüßen verbleibe ich
Ihr aufrichtig ergebener
G. Haberlandt
1 Gottlieb Wilhelm Bischoff, Handbuch der botanischen Terminologie, Bd. 1-4, [s. l.], 21830.
2 Titel nicht identifiziert.
