Ludwig Gumplowicz an Hugo Schuchardt (04-04229)

von Ludwig Gumplowicz

an Hugo Schuchardt

Graz

25. 11. 1908

language Deutsch

Schlagwörter: Villa Malwine Haeckel, Ernst Graz China

Zitiervorschlag: Ludwig Gumplowicz an Hugo Schuchardt (04-04229). Graz, 25. 11. 1908. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11494, abgerufen am 10. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11494.


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Graz 25/11 908

Sehr geehrter Herr Hofrat!

Aus Ihrem freundlichen Schreiben von gestern ersehe ich vor allem dass Sie schon Ihr neues palazzo bezogen haben1 - also vorerst meine besten Glückwünsche!

Ihre Bemerkungen über Savorgnans „Trombetti“2 sind für mich sehr interessant – Was erstens die Forschung nach Mono oder Poly anbelangt so könnte man sich ja auf den Standpunkt ignorabimus zurückziehen – der aber nie befriedigt! Die Frage wird also nie umgangen werden und die Sprache wird immer als Argument pro oder contra herhalten müssen. Den Vorwurf wie zweitens den Savorgn. den Linguisten macht halte ich auch für jugendlich. Ob uns das Phonograph die Wahrheit enthüllen wird zweifle ich auch – möge mich der junge Autor dieser Hoffnung hingeben. Ich selbst bin allerdings ein überzeugter Polygenist auf allen Gebieten – denn ich sehe überall die Natur polygenetisch arbeiten – das ist das wesentliche Merkmal|2| ihres Vorgehens. Betrachten wir nur die Ideen der Menschen! – Immer gleichzeitig haben viele Menschen dieselben Gedanken unbeeinflusst von einander. Dass das Leben, das animalische, einst nur an einem Punkte der Erde sich entwickelte ist ein Vorurtheil das uns die Bibel eingeimpft hat und sogar einem Häckel3 noch im Blute steckt. Er verwirft den Schöpfer aber den einen Schöpfungsherd behält er unbewusst als Entstehungsort der einen ersten Monade. Überall auf der Erde entwickelte sich das Leben nach gleicher Methode und die ähnlich veranlagten Menschen mussten zu ähnlicher Lautbildung gelangen – das lag in ihren ähnlichen Sprachwerkzeugen und ähnlichen geistigen Beschaffenheiten. Trombettische Nachweise der Möglichkeit der Reduzierung aller Sprachen auf eine Ursprache beweist nur das[s] menschliche Sprachwerkzeuge und geistige Anlagen überall ähnlich funktioniren – sonst nichts. Tausende polygenistische [sic] Erscheinungen auf allen Gebieten des Lebens bestärken mich in meiner Überzeugung. |3| Immer und überall geht die Staatenbildung bei Menschen ähnlich vor sich – in China, Amerika, Asien in gleicher Weise von einander unbeeinflusst.

Oder betrachten wir die Lage der Hauptstädte der oesterreichischen Länder: ein Schlossberg überall an einem Fluss – um den Berg die Stadt. Ist das nicht als ob sie alle nach dem Plan eines Baumeisters angelegt worden seien? Wer war der Baumeister? die gleiche Natur der Menschen und ihrer wirtschaftlichen Bedürfnisse.

Oder das ähnliche Wesen aller Religionen? Stammen sie von einer Urreligion? Nein! sondern von den ähnlichen gemüthlichen Bedürfnissen dieser zweibeinigen Thierspezies. So wird es auch mit den Sprachen gewesen sein! Selbstverständlich kommen in zweiter Reihe, sekundär, in Folge von Wanderungen, Eroberungen, Verkehr oder gegenseitige Einwirkungen der Sprachen aufeinander – Laut- und Wortewanderungen kurz alle die Erscheinungen |4| welche den Gegenstand der Linguistik (neben der Entwicklung jeder einzelnen Sprache) bilden. Dass sich derjenige der genügend Beschäftigung findet im Studium dieser Entwicklungen mit der Frage des Mono der Poly nicht befassen will finde ich begreiflich – man könnte sogar sagen: das gehört nicht in die Linguistik! Denn die Methoden der Linguistik sind vielleicht ein Hinderniss zur objektiven Untersuchung der Anfänge der Sprache – der Linguist arbeitet mit ganz anderem Werkzeug als der – Soziologe. Aber ich glaube auch dass es dem Linguist ganz wurst ist ob Mono oder Poly – es berührt den Gegenstand seiner Untersuchungen gar nicht – das Leben der Sprache und der Sprachen die der Linguist studiert ist ja unbeeinflusst davon ob sie aus einer Quelle fliessen oder aus vielen. Na, jetzt sind wir einverstanden?

Besten Gruss!

Ihr Gumplowicz


1 Diese Aussage erstaunt, denn Schuchardt hatte die „Villa Malwine“ in der Johann-Fux-Gasse bereits im Jahr 1906 bezogen, was Gumplowitz als inzwischen in Graz Ansässiger eigentlich hätte wissen müssen. Im Jahre 1906 erbaute sich Hugo Schuchardt sein Haus in der Johann-Fux-Gasse, dem er den Namen "Villa Malwine" gab, eine Erinnerung an die am 15. Juni 1899 um mittags zwölf Uhr an Herzlähmung in Gotha verstorbene Mutter Malwine.

2 Vgl. dazu https://docplayer.org/amp/221342138-Ludwig-gumplowicz-und-sein-begabtester-schueler-der-triestiner-franco-savorgnan-von-bernd-weiler-graz.html.

3 Ernst Haeckel (1834-1919), deutscher Zoologe; vgl. auch HSA 04318.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04229)