Richard Greeff an Hugo Schuchardt (02-03939)
von Richard Greeff
an Hugo Schuchardt
15. 03. 1882
Deutsch
Schlagwörter:
Portugiesisch Silva e Costa, Manuel João da Marburg St. Thomas Tirol Ploog, Katja (2016) Cannecattim, Bernardo-Maria de (1804) Cannecattim, Bernardo Maria de (1859)
Zitiervorschlag: Richard Greeff an Hugo Schuchardt (02-03939). Marburg, 15. 03. 1882. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11463, abgerufen am 13. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11463.
Marburg a. d. Lahn
d. 15. März 1882.
Geehrter Herr College!
Ich war in den letzten Tagen durch allerlei Arbeiten so in Anspruch genommen, daß ich zu meinem Bedauern erst jetzt dazu komme Ihren werthen Brief vom 7. d. M. zu beantworten und Sie zugleicherzeit um Entschuldigung zu bitten daß ich bisher auch nicht im Stande war die in Ihrem ersten Briefe |2| vom 21. Dez. v. J. ausgesprochenen Wünsche bezüglich der S. Thomé-Negersprache zu erfüllen. Ich habe nach Empfang Ihres Briefes alsbald an einen meiner Freunde in S. Thomé geschrieben, von dem ich weiß, daß er der S. Thomé-Sprache mächtig ist und ihn um genauere Auskunft und Sprach-Proben gebeten, bis jetzt aber hierauf, ebenso wie auf manche andere Nachricht, der ich mit Verlangen entgegensah, vergeblich gewartet. Hoffentlich werde ich mit der nächsten Post Nachricht erhalten, die Ihnen dann, für den Fall sie, wie ich hoffe, auch über |3| die dortige Negersprache Auskunft erhält1, sofort zugehen soll. Ich selbst hatte während meiner Anwesenheit auf S. Thomé keine Veranlassung genauere Erkundigungen über dieses seltsame Idiom einzuziehen und habe durch gelegentliche Äußerungen soviel gehört, daß dasselbe zum größten Theil der portugiesischen Sprache entstammt, die seit der Besitznahme der Insel durch die Portugiesen gegen Ende des 15. Jahrhunderts in der Colonie die herrschende war. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Insel von französischen Corsaren überfallen, die hier arge Verwüstungen |4| anrichteten, und eine Zeitlang sich behaupteten; später nahmen auch die Holländer in ähnlicher Weise die Insel vorübergehend in Besitz. Von Beiden sind Sprach-Spuren zurückgeblieben. Möglich, daß auch seitens der Angolanes-Neger, ein eigenthümlicher Negerstamm, der die Küste der Südecke von S. Thomé bewohnt, woselbst er sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts (1574) in Folge eines an dieser Küste eingetretenen Schiffbruches eines Sklavenschiffes von Angola angesiedelt hatte und seitdem mit den Colonisten im Nordosten der Insel vielfach in feindlicher |5| und später auch freundschaftlicher Verbindung gestanden hat, anderseits aber durch den seit Jahrhunderten fortdauernden Import von Negern aus den Küstengebieten von Westafrika namentlich aber aus Angola. Durch alle diese Beimischungen scheint das Portugiesische in der S. Thomé-Sprache so in den Hintergrund getreten oder verdunkelt zu sein, daß die Portugiesen selbst ohne einige Kenntniß des Idioms dasselbe nicht verstehen, vielleicht auch dadurch, daß die ursprünglichen Formen vielfach verändert sind oder noch mehr durch den Mangel derselben, da eine eigentliche Flexion gar nicht bestehen sondern Alles durch den Infinitiv ausgedrückt werden soll. Jedenfalls scheint |6| das genaue Studium des merkwürdigen Idioms der Sprachforschung ein reiches und interessantes Feld zu bieten. Ich werde in diesen Tagen noch einmal nach S. Thomé schreiben und noch einmal eindringlich um Auskunft und namentlich Sprach-Proben bitten und Ihnen sobald mir Nachricht zukommt Mittheilung darüber machen. Herr Costa von S. Thomé2 kommt, wie er mir schreibt, wahrscheinlich in der nächsten Zeit selbst nach Deutschland um seine Familie zu besuchen und wird Ihnen dann auch wohl Manches übermitteln können. Mir hat er von Lissabon einen Bericht der |7| Gouverneure über die Capverden und S. Thomé etc zugesandt, der hauptsächlich Nachrichten über Produktion der Inseln sowie namentlich Tabellen über Export und Import etc enthält Ihnen aber wohl bezüglich Ihrer ethnographischen Forschungen wenig Brauchbares bieten möchte. Ich bin übrigens gerne bereit Ihnen diese Berichte, die ich freilich augenblicklich selbst benutze, zuzusenden. Vorläufig erlaube ich mir mit der Bitte um gelegentliche Rücksendung zwei Bücher über Nbunda-Sprache, die mir in S. Thomé von einem meiner Freunde zum Geschenk gemacht wurden, und die mir als wenig bekannt und sehr selten be- |8| zeichnet wurden, zur gefälligen Durchsicht und zu beliebiger Benutzung zu übersenden. Vielleicht finden Sie Einiges Interessante darin, was Sie für Ihre Forschungen verwerthen können, möglich freilich auch, daß ich Ihnen nur etwas Ihnen längst Bekanntes zuschicke. In diesem Falle bitte ich mich zu entschuldigen.3
Mit bester Empfehlung
Ihr ganz ergebener
R. Greeff
Darf ich bitten mir mit einem Worte die richtige Ankunft der beiden Bücher anzuzeigen.
1 Gem. „enthält“.
2 Manoel João da Silva e Costa (keine Daten), Director der Filiale der ultramarinen Nationalbank auf S. Thomé. (Von Schuchardt für seine Auskünfte dankbar erwähnt); vgl. HSA 10568-10574. Vgl. auch Katja Ploog. Le “Negerportugiesisch” de H. Schuchardt et la dynamique des langues. Etudes créoles, Laboratoire Parole et Langage, 2015, 33 (2). halshs-01385530.
3 Es handelt sich möglicherweise um: Bernardo Maria de Cannecattim, Diccionario da lingua Bunda ou Angolense explicada na Portugueza e Latina, Lisboa 1804 bzw. Ders., Collecção de observações grammaticaes sobre a lingua Bunda, ou Angolense, Lisboa: Impressão regia, 1805.
