Hugo Schuchardt an Rufino José Cuervo (142-SC384H65)

von Hugo Schuchardt

an Rufino José Cuervo

Graz

02. 01. 1897

language Deutsch

Schlagwörter: language Spanisch Schuchardt, Malvine Graz Gotha

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Rufino José Cuervo (142-SC384H65). Graz, 02. 01. 1897. Hrsg. von Bernhard Hurch (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11357, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11357.


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Graz, 2 Jänner 1897

Verehrter Freund,

Empfangen Sie den Ausdruck meiner wärmsten und innigsten Theilnahme an all dem Schmerzlichen was Sie im verflossenen Jahre betroffen hat, und zugleich den ebenso herzlichen Wunsch dass in dem eingetretenen Jahre das Schicksal Ihnen nur Gutes bringen und die Ihnen geschlagenen Wunden vernarben lassen möge.

|2|Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Wünsche, insbesondere insofern sie meine Mama betreffen. Am Weihnachtsabend 1895 wurde ich durch ein Telegramm zu meiner tödtlich erkrankten Mutter gerufen. Ich war fast zwei Monate in Gotha und als ich sie verliess, war sie – wider mein und des Arztes Hoffen – auf dem Weg der Genesung. Von voller Gesundheit kann man natürlich in dem Alter von 82 Jahren nicht reden; ihr Gehör und Gesicht sind in starker Abnahme begriffen (sie leidet schon seit lange am Staar, und sieht einer Operation entgegen), aber ihre Stimmung ist |3| im Ganzen eine gute, sie nimmt an allem Theil und lasst sich auch den Scherz gefallen. Ich, der ich mich ohne sie kaum denken kann, besitze, dank meiner Neurasthenie - leider diese gleichmässig heitere Stimmung nicht. Und ich sehe mich gar zu oft “den unüberwindlichen Mächten” gegenüber, sodass ich mich Andern anders zeige als ich mich zeigen sollte und möchte. Das bezieht sich auch auf die Korrespondenz; ich ermögliche es nicht mehr in einem Halbdutzend Sprachen eine fortlaufende Korrespondenz zu führen, und nur in den |4| dringendsten Fällen bediene ich mich einer fremden Sprache. So z. B. schrieb ich neulich meinem alten Freunde Fr. Rodriguez Marin einen spanischen Brief als Dank für die Uebersendung seiner letzten Schriften, aber im Allgemeinen habe ich aus diese Grunde meine Beziehungen zu Spanien aufgeben müssen, was mir sehr leid thut. Das Deutsche ist leider eine sehr schwierige Sprache; aber wir allein können die Last des Polyglottismus nicht tragen. Verzeihen Sie diese Neujahrsbetrachtungen – sie sollen mir der ich Ihnen früher in einem schlechten Spanisch schrieb, nur zur Entschuldigung dienen – und erhalten Sie

Ihre Freundschaft und Ihr
Wohlwollen.
Ihrem ergebenen und dankbar
anhänglichen

H. Schuchardt.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Instituto Cary y Cuervo. (Sig. SC384H65)