Hermann Möller an Hugo Schuchardt (05-07408)

von Hermann Möller

an Hugo Schuchardt

Kopenhagen

19. 11. 1912

language Deutsch

Schlagwörter: language Sanskritlanguage Griechischlanguage Altkirchenslawischlanguage Hebräischlanguage Arabisch Schuchardt, Hugo (1912) Schuchardt, Hugo (1912) Schuchardt, Hugo (1912) Schuchardt, Hugo (1912) Schuchardt, Hugo (1912) Kluge, Theodor (2012) Cuny, Albert (1912)

Zitiervorschlag: Hermann Möller an Hugo Schuchardt (05-07408). Kopenhagen, 19. 11. 1912. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11195, abgerufen am 02. 10. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11195.


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[BREVKORT – CARTE POSTALE,
KJØBENHAVN, 19.11.12]

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Kopenhagen F, Mathildewej 2 d. 19.11.1912.

Hochgeehrter Herr Professor,

für die gütige Zusendung Ihres Beitrages zu Reinisch’s Geburtstage1 und Ihrer verschiedenen Artikel aus der WZ. 262 spreche ich Ihnen meinen herzlichsten Dank aus. Alles hat mich sehr interessiert und, soweit die zu Gebote stehenden Beweismittel einen Beweis, gestatten, überzeugt, oder ist mir doch, soweit dieses noch nicht möglich ist, sehr plausibel erschienen. Am meisten interessiert mich alles das Hamitische betreffende, darunter speciell das zur Stellung des Nubischen beigebrachte, das mir zweifellos richtig erschienen ist. – In diesem Sommer hat Dr. Jakób Handel in Lemberg in der Eos XVIII p. 31-473 einen, meiner Vorgänger und meine vergleichenden idg.-semit. Studien betreffenden (in der Hauptsache mir zustimmenden) Aufsatz geschrieben, der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist. Zum Schluss p. 47 in der letzten Note wendet er gegen mich ein, dass sanskr.kákhatigr.καχάζω etc. wohl onomatopoetische4 Bildungen seien (dass das gemeinidg.-semit. Wort für ,lachen‘ in seinen verschiedenen Formen ursprünglich onotmatopoetisch gewesen ist, glaube auch ich, aber die von mir angeführten Formen der verschiedenen Sprachen sind aus jenen Urformen völlig lautgesetzlich hervorgegangen) und dass οἶνος, ταῦρος wohl alte Lehnwörter seien (was ich für diese Wörter und u. a. Wörterb. S. 244 auch für abulg.tlŭkŭ, tlŭmažĭ selbst behauptet habe). Vereinzelt gibt er meiner Ansicht unrichtig wieder (ich habe Wörterb. 95 mit dem indog. γυνή nicht wie er p. 41 ansetzt hebr.zōnā, sondern (fragend) hebr. ʽōnā (הנָ‘ע) zusammengestellt; die von mir a. a. O. angeführten dem idg. Wort in der Bedeutung genau entsprechenden arab. Wörter führt er nicht an). Eine briefl. Äußerung von Brockelmann5 vom Okt. 1911, in der der genannte Gelehrte von dem in seiner Anzeige im Lit. Centralbl.6 gesagten Abstand nimmt und die ich Dr. Handel privatim brieflich mitgeteilt habe, hat er, ohne dazu die Erlaubnis (die ich mir von Brockelm. hätte erbitten müssen) eingeholt zu haben, p. 46 Note veröffentlicht. – Meine Ansicht dass F. de Saussures phonèmes‘ vorindogermanische laryngale Konsonanten gewesen seien, hat in diesem Sommer Albert Cuny in Bordeaux in Abbé Rousselots Revue de phonétique II, p. 101-132 mit Anwendung rein indogermanischer Beweismittel zu begründen gesucht.7

– Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr sehr ergebener
H. Möller.


1 Schuchardt, „Zur methodischen Erforschung der Sprachverwandtschaft (Nubisch und Baskisch)“, Revista Internacional de Estudios Vascos 6, 1912, 267-281 (die Widmung lautet: „an Leo Reinisch zum 26. Oktober 1912“. Der Wiener Ägyptologe Reinisch wurde an diesem Tag 80 Jahre alt).

2 Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 26, 1912; es handelt sich um „Bari und Dinka“, ebd. 11-41; „Zu den berberischen Substantiven auf –im“, ebd. 163-170; „[Rez. von] Meinhof, Carl: Die Sprachen der Hamiten, nebst einer Beigabe: Hamitische Typen von Felix von Luschan“, ebd. 407-413 und „Zu den merotischen Inschriften“, ebd. 416-418.

3 Eos, Czasopismo Filologiczne Organ Polskiego Towarzystwa Filologicznego.

4 Möller scheibt „onomatopöetisch“.

5 Carl Brockelmann (1868-1956), bedeutender deutscher Semitist. Nicht klar, was gemeint ist, vgl. die folgende Anm.

6 Die Rez. von Möllers Vergleichendes indogermanisch-semitisches Wörterbuch im LCBl 1912, Nr. 12, 16. März, Sp. 391-394 stammt nicht von Brockelmann, sondern von Theodor Kluge. Worauf sich Möller bezieht, konnte nicht ermittelt werden.

7 Albert Cuny, „Indo-européen et sémitique“, Revue de phonétique 2, 1912, 101-132.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07408)