Friedrich August Wilhelm Thomas an Hugo Schuchardt (04-11672)

von Friedrich August Wilhelm Thomas

an Hugo Schuchardt

Ohrdruf

24. 06. 1911

language Deutsch

Zitiervorschlag: Friedrich August Wilhelm Thomas an Hugo Schuchardt (04-11672). Ohrdruf, 24. 06. 1911. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.11117, abgerufen am 28. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.11117.


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Ohrdruf, 24.VI.‘11

Lieber alter Freund!

Du hättest längst Antwort auf Deinen lieben Bf v. 2. d. M. erhalten, wenn ich die erste Deiner Fragen so glatt wie die 2e hätte beantworten können. Die Findigkeit für gute Pilze durch gutes Lugen1 zu erwarten oder zu verdienen, ist ein mir noch nicht bekannt gewesener Volksscherz. Und bisher fielen auch alle (mündlichen) Auskünfte hierüber in demselben negativen Sinne aus.

Silberblüte für Syringa vulg.2 ist in Jena und Weimar* (* W. bei Hertel bedeutet nicht Weimar, sondern Winterstein!3|2|) und selbst in manchen gothaischen Orten unbekannt, aber in andern, wie in der Stadt Gotha selbst beim einheimischen Volk und den meisten Gebildeten, ausschließlich in Gebrauch. Im Norden uss.4 Herzogtums, z. B. in Tonna (&. auch bei Mühlhausen, woher es schon bekannt war) ist aus Syringa, Sirana, Cyrana durch eine niedliche Volksetymologie: „Zitrönchen“ geworden und dort allein üblich, so bei der Jugend in Burgtonna, die sich ihre Pfeifen aus den Zweigen schnitzt, in Gebrauch.

In Kl. Romstadt5 bei Apolda ist Syringa vulg. = Hollunder,6 Sambucus nig.7 = wilder Hollunder.

Von etwa 50 Floren8 u. anderen botanischen Werken, die ich deshalb einsah, hat außer einigen gothaischen fast keines den Namen Silberblüte.

Bis zu Deiner Anfrage habe ich immer geglaubt, Silberblüte sei ursprünglich nur für die weißblütige Form (die vielleicht auch die zuerst in Thür. eingeführte gewesen ist?) in Gebrauch gewesen & auf die lilafarbige (typische) erst nachträglich übertragen worden. Auch jetzt noch scheint mir diese Erklärung die wahrscheinlichste. Daß aber nicht allgemein in Europa oder in Deutschland die weißblütige die älter=eingeführte gewesen sein wird, scheint mir schon aus der Abstammung unseres Wortes lila von lilak hervorzugehen. (À propos: Lilak, Leilak ist türkisch, arabisch, persisch, – was zuerst von diesen dreien, wo wohl am ältesten? „U. A. w. g.“ heißt es auf Tanz-Einladungen etc.).9

|3| Die in Grimm’s Wörterbuch citierte Stelle aus Musäus‘ Volksmärchen fand ich in der Originalausg. (von Wieland, 1804, Band 1 der Sammlung) nicht. Bei Grimm ist Haendel 1, 8 citiert; d. h. also die Händelsche Ausgabe, Band 1, S. 8? Die ist in/auf der Goth. Bibl. nicht vorhanden, auch nicht in d. hies. Schulbibl. Kannst Du mir vielleicht die Überschrift desjenigen Märchens angeben, das in der Händelschen10 Ausgabe Bd. 1, S. 8 jene Stelle enthält, damit ich sie darnach in der alten Ausgabe suchen kann.

Aus der bei Grimm abgedruckten Stelle geht nämlich, so scheint mir, noch nicht zweifellos hervor, daß Musaeus gerade Syringa mit Silberblick hat bezeichnen wollen. Also war es vielleicht nur eine dichterische Namensschöpfung, bei der Musaeus an ein ganz anderes Substrat, wie etwa an die Waldrebe (Clematis Vitalba) gedacht haben könnte.

Nächste Aufgabe ist jedenfalls die nach genauerer Feststellung der heutigen Verbreitung des Namens in Thüringen. Einige Antworten auf meine Anfrage stehen noch aus. Aber voraussichtlich |4| werde ich doch zur Druckerschwärze (obgleich Tinte wirksamer noch ist) greifen11 u. – vielleicht in d. „Thüringer Monatsblättern“ – unter kurzer Darlegung der bisherigen Resultate um Auskunft bitten müssen.

Aber vorher schreibe ich darüber jedenfalls meinem verehrten alten Freund P. Ascherson12 in Berlin, der wie zur Zeit kein zweiter in Deutschland, philologische Kenntnisse mit botanischen, besonders floristischen, verbindet.

Nun komme aber auch ich mit einer Bitte: Als ich am ca.17/XI 10 Hofrat G. Haberlandt13 in Berlin (vorher in Graz) sprach, hatte sich seine Frau (die ich nicht kenne) durch Hildebrandt-Berlin den Kropf operieren lassen & am selbigen Tag sollte die gleiche Operation bei seinem Sohn erfolgen. Ich wüsste gern, daß alles gut abgegangen ist und H. selbst wieder aufatmet. Ihm selbst deshalb zu schreiben, habe ich nur gescheut, weil er für solche Korrespondenz selbstredend keine Zeit übrig hat, und einen gemeinsamen Bekannten in Berlin, an den ich mich hätte wenden können, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wirst Du aber darüber in Graz – falls Du nicht schon unterrichtet bist – leicht Auskunft erhalten (event. durch Prof. Palla,14 den ich 1905 dort kennen lernte & gegebenenfalls zu grüßen bitte).

Mit herzlichem Gruße
Dein
Fr. Thomas


1 Graphisch wäre auch möglich „Lügen“ zu lesen.

2 „Zierhortensie“. Vgl. dazu Friedrich Thomas, „Syringa vulgaris“, Mittheilungen der geographischen Gesellschaft für Thüringen zu Jena: zugleich Organ des Botanischen Vereins für Gesamt-Thüringen XXIX, 1912, 60.

3 Ludwig Hertel, Das Thüringer Mundartenbuch: ein Lexikon des Thüringer Wortschatzes, Weimar: Böhlau, 1895.

4 „unseres“

5 Heute: Klein-Rom-Stadt.

6 Alte Schreibweise mit „ll“!

7 Sambucus nigra = Schwazer Holunder.

8 Flora oder Florenwerk = Pflanzenverzeichnis.

9 Arab. ليلك (lailak).

10 Der Verlagsname lautet richtig „Hendel“

11 Thomas, „Syringa vulgaris“, Berichte der Deutschen Botanischen Gesellschaft XXIX, 1912, 60.

12 Paul Friedrich August Aschersohn (1834-1913), deutscher Botaniker, Historiker, Ethnograph und Sprachforscher. – Es ist keine Korrespondenz mit Schuchardt nachgewiesen.

13 Gottlieb Haberlandt (1854-1945), österr. Botaniker, zunächst in Graz, ab 1910 in Berlin; vgl. HSA 04259-04295.

14 Franz Palla (1876-1947), Mediziner in Graz und Klagenfurt.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11672)