Hugo Schuchardt an Nicolaas Mansvelt (01-s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Nicolaas Mansvelt

Graz

09. 09. 1885

language Deutsch

Schlagwörter: language Afrikaanslanguage Nama Brill, Johannes Krönlein, Johann Georg Du Toit, Stephanus J. (1876) Bosman, F.C.L. (1973) Brill, Johannes (1880) Schoor, M. C. E. van (1970) Trümpelmann, Georg Paul Johannes (1972) Nienaber, P. J. (1973) Mansvelt, Nicolaas (1884) Noordegraaf, Jan ([o. J.])

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Nicolaas Mansvelt (01-s.n.). Graz, 09. 09. 1885. Hrsg. von Gerald Russow (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.1103, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.1103.


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Graz (Oestreich), 9 Sept. 1885,

Sehr geehrter Herr,

Vor geraumer Zeit schon kam Ihre treffliche „Proeve van een Kaapsch-Hollandsch Idioticon“ in meinen Besitz und heute habe ich einen längeren für das „Literaturblatt f. germ. u. rom. Phil.“ bestimmten Artikel darüber geschrieben, den ich Ihnen seiner Zeit senden werde.

Sie sehen daraus dass ich für „die Afrikaanse Taal“ ein lebhaftes Interesse besitze und um dieses Interesses willen wage ich es nun Sie zu bitten meine diesbezüglichen Studien ein wenig zu unterstützen.

Ich besitze genügend Proben des Afrikanischen, wünschte aber gern mir Alles zu verschaffen was |2|(in philologischem Sinne) darüber geschrieben worden ist. Ich möchte Sie daher fragen auf welchem Wege ich die von Ihnen gerühmten Artikel im Cape Monthly Magazine1 (Juni, Juli, August 1880) erlangen könnte. Auch das Büchlein Die eerste Beginsels v. d. Afr. T.2 und was sonst noch separativ oder in Zeitschriften (z. B. Het Zuid-Afr. Tijdschr.)3 in dieser Beziehung erschienen ist. Die doppelte Schwierigkeit ist die: 1) Jemanden d.h. einen Buchhändler zu finden der Beziehungen zu Europa hat, sodass die Bezahlung sich bewerkstelligen lässt; 2) einzelne Nummern von Zeitschriften herauszubekommen.

Worauf es mir vor Allem ankommt, das ist, die Ursache der grammatischen Zersetzung des Kapholländischen festzustellen. Dass die Franzosen dabei wesentlich betheiligt gewesen sind, kann ich doch nicht glauben; und es bleibt wohl nichts Anderes übrig als die Hottentotten dafür verantwortlich zu machen. Vermittelst Experimenten könnte |3|man der Sache auf den Grund kommen: welche Fehler begeht ein Hottentotte wenn er Hochholländisch erlernt, oder da das jetzt wohl nur ausnahmsweise noch vorkommt, gibt es nicht Specimina von einem englischen Jargon hottentottischer Anfänger? Solche Wendungen wie ik is honger, ik is jammer, ik eet lê-lê weisen meiner Ansicht nach auf Einflüsse hin die ausserhalb der weissen Rasse liegen. Können Sie mir endlich nicht etwas Näheres über eine Moslem oder Mahometan Mission in der Kapstadt sagen? Sie soll einen Report herausgeben und in irgend einem Jahrgang desselben Etwas über holländisches Patois der Malaien stehen.4

Ich habe schon mit einigen Herren in Südafrika wegen des Kapholländisch correspondirt, mit Dr. Brill5 in Bloemfontein, mit dem Missionär Krönlein6 in der Kapstadt; letzterer hat aber über das Afrikanische und alles Holländische etwas zu herbe Ansichten. |4|Wenn Sie die Güte haben werden, mir zu antworten – wofür ich Ihnen im Voraus danke – so bitte ich Sie nur wenn es Ihnen bequemer ist, sich der holländischen oder der englischen Sprache zu bedienen.

In grösster Hochachtung

Ihr ergebenster

Dr. Hugo Schuchardt
k.k. Universitätsprofessor in Graz und c. M. der Kaiserlichen Akademie in Wien.

Wahrscheinlich ist es Ihnen bekannt dass in dem Prospectus der Zeitschrift „Onze Volkstaal“7 vom Febr. 1884 folgende Arbeiten angekündigt sind8

32. Bijdrage tot de Kennis der Taal van Zuid-Afrika, door A.P. te Paarl9

33. Het Kaapsch-Hollandsch Taaleigen door N.10

38. Tweede Bijdrage voor ‘t Kaapsch door A.P. te Paarl11

46. Transvaalsch woordenboek van wege der Red. bewerke door L. van Ankum.12


1 Cape Monthly Magazine (1857-1862 und 1870-1881, später The Cape Quarterly Review bis Juli 1883) war eine populäre Monatsschrift historischen, biographischen, ethnologischen Inhalts (SESA, s. v. Newspapers and periodicals).

2 Du Toit (1876).

3 Erschien ursprünglich unter dem Titel Het Nederduitsch Zuid-Afrikaansch Tydschrift 1824-1843, wurde von Jan Hofmeyr 1873 wiederbelebt, der das Nederduitsch aus dem Titel strich, und erschien dann bis 1893 (Bosman 1973).

4 Dieser Text konnte bislang nicht identifiziert werden.

5 Johannes Brill (1842-1924) kam ein Jahr vor Mansvelt ans Kap und durchlief eine ähnliche Laufbahn. Auch er bekleidete hohe Funktionen im Schulsystem, allerdings in Bloemfontein, im Oranjefreistaat. 35 Jahre lang wirkte er dort als Rektor, war 1881 im Freistaat Mitbegründer des Afrikaner Bond. In einem Aufsatz in De landstaal vertrat er schon 1875 die Ansicht, Afrikaans und nicht Niederländisch sei die Sprache der Buren (Schoor 1970). Im Nachlass Hugo Schuchardts in der Universitätsbibliothek der Karl-Franzens-Universität Graz gibt es einen bisher nicht veröffentlichten Brief von Brill aus dem Jahre 1882, in dem er Schuchardt seine Sicht des Sprachgebrauchs der Buren darlegt (Briefnummer 01374).

6 Johann Georg Krönlein (1826-1892) folgte Samuel Hahn als Missionar in Berseba (Station in Südwestafrika) nach, wo er sich intensiv mit der Nama-Sprache beschäftigte ( Trümpelmann 1972: 463a). Im Schuchardt-Nachlass gibt es einen Brief (Nummer 5834) vom 8.7.1882, der bisher weder veröffentlicht noch transkribiert ist.

7 Onze volkstaal. Blom & Olivierse, Culemborg/De Seijn Verougstraete, Roeselare 1882-1890. Zeitschrift herausgegeben von Beer, Taco H. de. Online verfügbar unter http://www.dbnl.org/tekst/beer004onze01_01/index.php.

8 Im Nachlass Schuchardts befindet sich dieser Prospectus unter der Signatur 11.7.1. mit dem Titel „2 Druckschriften. Literaturangaben“ (in 11.7. „Niederländisch: Südliches Afrika“). Die von Schuchardt angesprochenen Schriften sind dort rot unterstrichen.

9 A.P. = Arnoldus Pannevis (1838-1884), Philologe und Lehrer am Paarl-Gymnasium. Er war sich bald nach seiner Ankunft in Südafrika 1860 bewusst, dass Afrikaans eine eigene Sprache war und wollte die Bibel darin übersetzen lassen; schrieb für De Zuid-Afrikaan und Het Zuid-Afrikaansche Tijdschrift . Pannevis war am 14.8.1884 verstorben, der angekündigte Beitrag erschien in der Ausgabe der Volkstaal nicht (Nienaber 1973: 440b-d).

10 Mansvelt vermutet im folgenden Brief, dass es sich hierbei um eine frühe Ankündigung seines eigenen Idioticon ( Mansvelt 1884) handeln könnte. Vgl. Mansvelts Brief vom 13.10.1885 (Lfd.Nr. 02).

11 Siehe FN 9.

12 Es handelt sich um Leenardus Huizing (1851-1907), der als Lehrer und Organist in Oosterhoogebrug bei Groningen wirkte. Er war damals bekannt als Verfasser von zahlreichen Schulbüchern und unter dem Pseudonym L. van Ankum veröffentlichte er Werke in Zeitschriften wie Onze Volkstaal, Noord en Zuid, Bladen voor Opvoeding en Onderwijs . vgl. Noordegraaf (s.a.).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv“ erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universiteitsbibliotheek Leiden, Abteilung Bijzondere Collecties, Signatur LTK 1934. (Sig. s.n.)