Hugo Schuchardt an Gaston Paris (04-24456)

von Hugo Schuchardt

an Gaston Paris

Gohlis

28. 05. 1872

language Deutsch

Schlagwörter: Revue critique d'histoire et de littérature Romania (Zeitschrift) Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung (Kuhns Zeitschrift) 28. Versammlung deutscher Schulmänner und Philologen (Philologentag) in Leipzig (Mai 1872) Ebert, Adolf Bartsch, Karl Friedrich Gröber, Gustav Böhmer, Eduard Compagni, Dino Mätzner, Eduard Adolf Ferdinand Herrig, Friedrich Christian Ludwig Mahn, Karl August Friedrich Lidforrs, Edvard Rajna, Pio Wimmer, Ludvig Frands Adalbert Möbius, Theodor Bergmann, Friedrich-Wilhelm Demattio, Fortunato Schaffter, Albert Mall, Eduard Masing, Ernst Johann Woldemar Martin, Ernst Brink, Bernhard ten Holland, Ludwig Wilhelm Peschier, Adolf Ascherson, Ferdinand Arbois de Jubainville, Henry d´ Leipzig Ilmenau Gotha Lund Kopenhagen Bähler, Ursula (Hrsg.) (2015) Schuchardt, Hugo (1873) Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner, (1873) Grœber, G. (1873) Schuchardt, Hugo (1870) Boehmer, Edward (1879) Paris, Gaston (1878) Compagni, Dino (2002) Mahn, Carl August Friedrich (1853) o. A., (1872) Bergmann, Friedrich Wilhelm (1872) [o. A.] (1872) Fryba-Reber, Anne-Marguerite (2009)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Gaston Paris (04-24456). Gohlis, 28. 05. 1872. Hrsg. von Ursula Bähler, Bernhard Hurch und Nicolas Morel (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10993, abgerufen am 17. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10993.


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Gohlis bei Leipzig 28.5.72.

Verehrter Herr und Freund!

Werden Sie mich entschuldigen dass ich so spät auf Ihren liebenswürdigen Brief antworte? Von Ostern 1871-Ostern 1872 hatte ich, Gesundheits halber, Urlaub von Leipzig genommen. 5 Monate habe ich im Kaltwasserbad zu Ilmenau zugebracht, um meine Nerven einigermassen zu stärken. Dort bekam ich Ihren Brief, kurz darauf reiste ich nach Gotha1 und dort setzte ich am 24 Febr. einen französischen Brief an Sie auf, den ich aber dann nicht abschickte. Wenn ich Ihnen nun deutsch schreibe, so glauben Sie ja nicht, dass dies aus irgend einem chauvinistischen Beweggrund geschieht; ich thue es nur aus Bequemlichkeit. Nach dem 4. Mai, an welchem die Revue critique ein «Corrigé de thèmes» bringt, vielleicht auch aus Besorgniss, meine Germanismen einer zu scharfen Kritik unterworfen zu sehen2.

Ich begrüsse das Erscheinen der Romania, von welcher nun schon zwei Hefte vorliegen, mit rückhaltlosester Freude. Besonders erfreut mich der reiche linguistische und kritische Inhalt. Ich werde in Kuhn’s Zeitschrift3 die Romania anzeigen und hoffe mich selbst unter ihre Mitarbeiter einführen zu können.|2| Würden Ihnen Arbeiten über italienische Mundarten willkommen sein?

Ebert hat mir, nach Anfrage bei Ihnen4, eines von den beiden ihm zugeschickten Exemplaren des Alexiusliedes übermittelt und ich danke Ihnen dafür herzlichst. Ich bin noch nicht dazu gekommen, an das Studium dieses umfangreichen Buches zu gehen; aber auf den sprachlichen Theil Ihrer Einleitung bin ich ordentlich lüstern. Ich habe schon mit Ebert über einige Punkte, von denen er mir Mittheilung machte, diskurrirt und ganz im Allgemeinen Ihre Partie genommen. Nun sagt mir aber Ebert, dass Sie selbst brieflich Ihre Ansichten über manche Dinge entweder geändert oder als zweifelhaft bezeichnet hätten5; ich möchte wohl wissen, worauf sich das bezöge, damit ich nicht, bei einer etwaigen Anzeige6 des Buches das vertheidigte, was Sie selbst wieder aufgegeben haben.

Es wird Sie interessiren, etwas über die Philologenversammlung7 zu hören, die hier vom Dienstag-Sonnabend in der Pfingstwoche getagt hat. Romanisten waren wenige zugegen; von ordentlichen Professoren ausser Ebert nur Bartsch. In der germanistischen Sektion, die sich von nun ab deutsch-romanische Abtheilung nennt8, wurden nur zwei romanist. Vorträge gehalten von Prof. Gröber aus Zürich: über eine bisher un |3| bekannte Branche der Chanson de geste Fierabras und von mir: über die syntaktischen Modifikationen anlautender Konsonanten im Mittel- und Süditalienischen9. Böhmer aus Halle, welcher über die Echtheit der Chronik Dino Compagni’s10 hatte sprechen wollen, kam nicht. Von der germanistischen Sektion hat sich dieses Mal eine neue Sektion für neuere Sprachen abgelöst*. (Mätzner, Herrig, Mahn u.s.w.) und zwar auf eine ziemlich schroffe und gesetzwidrige Weise. Von den Vorträgen, die daselbst gehalten wurden, habe ich keinen gehört; Mahn sprach «über das iberisch-baskische Element in den romanischen Sprachen»11. Doch passt ein solcher Vortrag gewiss am Wenigsten in jene Sektion, die mehr die Zwecke der Schule im Auge hat. Ich werde Ihnen unter Kreuzband das Programm der Akademie für moderne Philologie (deren Entstehen mit der Bildung der genannten Sektion auf’s Innigste zusammenhängt) zukommen lassen. 12 Es ist sehr reichhaltig; beim Lehren kommt es aber nicht bloss auf das Was?, sondern – und zwar noch mehr – auf das Wie? an. Die Philologenversammlung selbst war die zahlreichst besuchte bisher (gegen 900 Theilnehmer), auch verschiedene Ausländer waren zugegen. Lidforrs aus Lund, Pio13, Wimmer aus Kopenhagen, einige Engländer. |4|

In unserer Sektion wurden zwei Begrüssungsschriften vorgelegt14: von Möbius über altnordische Sprache und von Bergmann «Zu welcher Wortsippe gehört die lateinische Vorsetzpartikel Re-?»15, das Wunderbarste, was mir je vorgekommen ist. – Ihr Verzeichnis der Vorlesungen auf romanischem Gebiete ist sehr unvollständig16. So fehlt

InnsbruckDe-Mattio Dante’s Div. Commedia

Zürich: Gröber Prof. extraord. Provenzal. Gramm.; Dante’s Inferno; roman. Gesellsch17

Bern: Schaffter: Prof. extr. Histoire de la littér. franç. au moyen âge; Molière et la comédie franç.

Breslau: Mall Pr.-doc. Rom. Uebungen; Dante’s göttl Kom. (Gesch. des engl. Drama’s bis Shakespeare.)

Dorpat: Masing Pr.-doc. Italienisch

Freiburg: Martin Pr. extr. Hist. Gramm. der franz. Sprache

Heidelberg: Bartsch Pr. ord.

Marburg: ten Brink Pr. ord. franz. Syntax;. Ueb. der engl.-rom. Ges.

Tübingen: Holland Pr. extr. Dante’s Div. comm.; Romanzen des Cid; Gesch. der span. Poesie.

Peschier Pr. extr. Gesch. der franz. Literatur; franz. Uebungen.

Ich empfehle Ihnen für solche Nachrichten den semesterweise zu Berlin erscheinenden deutschen Universitätskalender von Ascherson (20 gl.)18. Grüssen Sie Arbois de Jubainville von mir: ich hoffe die Unterbrechung meines Briefwechsels mit ihm hat keinen besonderen Grund. Er wird Ihnen sagen, dass ich mich bei ihm nach Ihnen erkundigt habe und in der That habe ich während des Krieges mich oft derjenigen Franzosen, mit denen ich persönlich befreundet war oder mit denen ich auf gleichem Wissenschaftspfade wandelte in freundschaftlicher Weise erinnert.

Lassen Sie auch einmal wieder von sich hören.

Ganz der Ihrige
Hugo Schuchardt

Gohlis
Lange Strasse 28.

*«auch aus dem Schosse der orientalistischen Sektion haben sich die Indogermanisten als eigene Sektion ausgeschieden.


1 Ville natale de Schuchardt, qui s’y rend chaque année à Pâques, pour y retrouver ses parents.

2 Il s’agit d’un texte de P. Meyer (1872) rédigé en réaction à la participation de Bartsch dans l’«affaire Kutschke» (voir Bähler 2015, xxxi-xxxiv).

3 Die Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen (mieux connu sous le nom de Kuhns Zeitschrift) contient au n° 21 un compte rendu de Schuchardt qui présente entre autres le premier numéro de la Romania (Schuchardt 1873c, 456-61).

4 Dans une lettre du 5 mai 1872 qu’il adresse à G. Paris, Ebert annonce avoir reçu deux exemplaires de la Vie de Saint Alexis, éditée par G. Paris et Léopold Pannier en 1872, et se propose de faire suivre un de ces volumes à un collègue allemand (BnF, NAF 24439, f° 51r).

5 Nous n’avons pas retrouvé cette lettre.

6 Schuchardt n’a pas rendu compte de l’édition de la Vie de saint Alexis.

7 La 28. Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner 1872 (1873), la première après la guerre franco-prussienne, s’est tenue à Leipzig du 22 au 25 mai 1872.

8 Voir à ce sujet Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner 1872 (1873, 209).

9 Les conférences tenues lors de ce congrès ont été tantôt reportées, tantôt résumées dans les actes. Schuchardt publiera la sienne l’année suivante, en français, dans la Romania (Schuchardt 1874b).

10 Il s’agit d’une chronique qui retrace l’histoire des événements survenus à Florence entre 1279 et 1312. Elle aurait été écrite par un certain Dino Compagni (1255-1324), ce que conteste Böhmer dans une publication parue dans les Romanische Studien (Böhmer 1878; voir aussi Paris 1878b, 471). Aujourd’hui la question semble close, du moins si l’on en croit l’avant-propos rédigé par l’éditeur et traducteur Patrick Mula dans son édition du texte publiée en 2002 (Compagni 2002, 7‑21).

11 Cette conférence reprend un titre déjà annoncé comme étant en cours d’impression sur la quatrième de couverture d’un précédent ouvrage de Mahn (Mahn 1853; Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner 1872 1873, 233)

12 Schuchardt parle ici de la liste des enseignements de philologie donnés à Berlin pour l’année 1872-1873 ([o. A.] 1872a). L’Académie en question, résultat d’une initiative privée et dont Mahn est l’un des fondateurs en 1872, a cessé ses activités en 1880.

13 Pio Rajna (1847-1930). C’est sans doute par inadvertance que Schuchardt l’évoque ici par son prénom.

14 Une troisième conférence inaugurale figure au programme: Dr. Bobertag, «Über Wieland’s Romane» (Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner 1872 1873, 180).

15 L’article a été publié dans la 4e série des Sprachliche Studien (Bergmann 1872).

16 Schuchardt parle de la liste publiée dans la Romania où sont énumérés les cours de romanistique donnés dans les universités allemandes et autrichiennes («Chronique» 1872, 272).

17 La «Romanische Gesellschaft», enseignement créé par Gröber dans lequel il annonçait les futurs séminaires (Fryba-Reber 2009, 38).

18 Ferdinand Ascherson (1832-1904) publie chaque semestre le Deutsche Universitäts-Kalender.

Faksimiles: gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France (Sig. BnF, NAF 24456, fol. 422-423)