Zsigmond Simonyi an Hugo Schuchardt (04-10597)

von Zsigmond Simonyi

an Hugo Schuchardt

Budapest

11. 04. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: Magyar Nyelvör Techmers Zeitschrift Literarisches Centralblatt für Deutschland Techmer, Friedrich Heinrich Hermann Winkler, Heinrich Szarvas, Gabor Simonyi, Zsigmond (1888) Simonyi, Zsigmond (1888) Simonyi, Zsigmond (1889) Gábor Szarvas/Zsigmond Simonyi (1894) Winkler, Heinrich (1899) Setälä, Emil Nestor (1883)

Zitiervorschlag: Zsigmond Simonyi an Hugo Schuchardt (04-10597). Budapest, 11. 04. 1889. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10919, abgerufen am 22. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10919.


|1|

Budapest, 11. April 1889.

Hochverehrter Herr Professor!

Mit aufrichtigem Bedauern erfuhr ich Ihr lange andauerndes Unwolsein, und wünsche Ihnen von Herzen, dass es nun endgiltig abgetan sei, auf dass Sie mit Madame Linguistik noch sehr lange Ihren ungetrübt heitern und fruchtbaren Umgang pflegen können.

Die Kunde Ihres Unwolseins berührte mich um so unangenehmer, als ich in Folge dessen Ihrer Bemerkungen über mein Határozók1 verlustig wurde; oder darf ich hoffen, dass Sie die Absicht darüber zu schreiben nicht völlig aufgegeben haben?2 – Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir die Frage, ob Sie wol meine beiden neulichen Artikel im Nyelvőr (November 1888. Über „Fremde Einflüsse“3 und Jänner 1889.4 Über „Kombinationsbildungen“) beachtet haben. Ich glaube dadurch bei uns einen Fortschritt in der Methode angeregt – und zugleich bewiesen zu haben, dass ich Ihre Schriften nicht ohne Nutzen gelesen habe.

Was die Anzeige unseres Szotár5 betrifft, so halte ich Techmers Zeitschrift für den passendsten |2| Ort dafür.6 Ich denke, es ist eben das Schlussheft des IV. Bandes unter der Presse, und Techmer wird hoffentlich mit Vergnügen warten, um für die Rubrik „Beurteilungen“ ein Referat von Ihnen erhalten zu können.7 – Ich glaube aber auch nicht, dass das Centralblatt8 schon „versorgt“ wäre, wenigstens hat Winkler9 in einigen Briefen, die ich letzthin von ihm erhalten, keine derartige Absicht merken lassen. (Apropos: haben Sie den interessanten Artikel Winklers im Jännerheft der Ungarischen Revue gelesen? Der Titel lautet: Magyarisch und Deutsch10 ).

Ich wundere mich nicht, dass Ihnen die wenig schmeichelhafte Behandlung unserer „Sammler“ aufgefallen ist. Es walteten aber eben während der Sammelzeit eigentümliche Umstände, die es erklärlich machen, dass wir so lückenhaftes und fehlerhaftes Material hatten. Mit der Leitung und Beaufsichtigung der Sammlung war Szarvas betraut. Da sich nicht sehr viele Mitarbeiter meldeten, musste er die meisten zu excerpirenden Werke zwei jungen Leuten anvertrauen: Veres Imre11 und Könnye Mándor12. Der erstere arbeitete sehr gewissenhaft, starb aber leider, nachdem er kaum zwei Jahre mitgeholfen hatte. Könnye aber nahm die Sache |3| leicht, arbeitete schluderisch und mit wenig Verständnis. Szarvas konnte keine gehörige Kontrolle üben, da ihn mittlerweile eine langwierige Krankheit überfiel, so dass ich ihn ungefähr vier Jahre in der Redaktion des Nyelvőr vertreten musste. So kam es dann, dass uns die Aufarbeitung jenes ungeschlachten Materials zu solch einer sauren und mühevollen Arbeit wurde, da wir natürlich alles, was nur irgendwie verdächtig schien, von den Quellen aus berichtigen mussten. Wir beleuchteten nun die Mängel unseres Materials (in der Einleitung), um die etwa haften gebliebenen Fehler zu entschuldigen. –

Das Dialektwörterbuch wird noch ziemlich lange auf sich warten lassen. Szinnyie13 ist mit dem Excerpiren des Materials fertig, ist aber eben erst an die Ordnung desselben gegangen. Mit der Redaktion dürfte er erst in 4-5 Jahren fertig werden. Der Plan der Behandlung ist dem des Sprachist. Wbuchs ähnlich, nur wird sich das Dialektwörterbuch – um rascher zum Abschluss zu kommen – sich blos auf die eigentlichen Dialektwörter beschränken (Dialektw. der Form oder der Bedeutung nach), so dass volkstümliche Phrasen, deren|4| einzelne Wörter allgemein gebräuchlich sind, grossenteils ausgeschlossen bleiben. –

Über den bestimmten Artikel kann ich Ihnen leider nur sehr weniges mitteilen. In der Halotti Beszéd (XIII. Jahrh.)14 können noch alle oz für Demonstration angesehen werden, aber in den Codices des XV. Jahrhunderts ist der best. Artikel beinahe ebenso häufig, wie heutzutage. Jedenfalls ist der deutsche Einfluss in dessen Entwicklung möglich, das dieser Einfluss schon im Anfange des XIII. Jahrh. sehr bedeutend gewesen sein muss. Freilich ist auch zufällige Begegnung nicht ausgeschlossen. Ist doch in der finnischen Volkssprache, wo man kaum an fremden Einfluss denken kann ( schwedisch?), das Demonstr. se ganz auf dem Wege, zum Artikel zu werden (Setälä führt eine ziemliche Anzahl von Beispielen an, in seiner Studie über den Dialekt von Koillis-Satakunta, Suomi XVI.90-91)15. Ebenso zufällig begegnet sich ja der postpositive Artikel im rumänisch-albanischen einerseits u. den nordischen Sprachen anderseits. –

Nun wünsche ich Ihnen nochmals eine dauernde Gesundheit, und verbleibe mit aufrichtiger Verehrung und herzlichem Grusse

Ihr ergebenster

S. Simonyi


1 Simonyi, A magyar határozók 1, Budapest: Magyar Tud. Akad., 1888, 456 S. ; 8° [=The Hungarian Adverbial Complements].

2 Kein Nachweis.

3 Simonyi, „Idegen Hatások“, Magyar Nyelvőr 17, 1888, 481-489 [=Ausländische / fremde Einflüsse].

4 Simonyi, „Kombináló szóalkotás“, Magyar Nyelvőr 18, 1889, 1-8 [= Kombinationsbildungen].

5 Gábor Szarvas / Zsigmond Simonyi (Hrsg.), Magyar nyelvtörténeti szótár a legrégibb nyelvemlékektől a nyelvújításig. 1. A – I, Budapest ; 1890 ; XXXIII, 1654 S. [=Sprachgeschichtliches Wörterbuch von den ältesten Sprachdenkmälern bis zur Spracherneuerung].

6 Internationale Zeitschrift für Allgemeine Sprachwissenschaft(kein Rez.-Nachweis).

7 Kein Nachweis.

8 Literarisches Centralblatt für Deutschland

9 Heinrich Winkler (1848-1930), deutscher Sprachwissenschaftler. Das Literarische Zentralblatt wurde jedoch von Eduard Zarncke herausgegeben.

10 Heinrich Winkler, „Deutsch und Magyarisch“, Ungarische Revue 1899, 11-23.

11 Imre Veres (1842-?) [keine weiteren Angaben].

12 Nándor / Ferdinánd Könnye (1850-1912), ungar. Lexikograph.

13 József Szinnyei (1857-1943), ungar. Finnougrist; vgl. HSA 11524-11545.

14 Halotti beszéd és könyörgés [=Die Begräbnispredigt und das Gebet], der älteste bekannte erhaltene zusammenhängende ungarische Text, der von einer Schreiberhand in lateinischer Schrift verfasst wurde und aus den Jahren 1192–1195 stammt.

15 Emil Nestor Setälä (1864-1935), finn. Sprachforscher; hier ist gem. „Lauseopillinen tutkimus Koillis-Sattakunnan kansankielestät“, Suomi II, 8,1883, [=Syntaktische Studie über den Dialekt von Nordost-Satakunta, Finnland].

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10597)