Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (59-NL001-003)

von Hugo Schuchardt

an Friedrich Zarncke

Graz

22. 02. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: Literaturwissenschaft Sprachwissenschaft Literarisches Centralblatt für Deutschland Lautgesetze Paul, Hermann Graz [o. A.] (1886) Schuchardt, Hugo (1886) Paul, Hermann (1886)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (59-NL001-003). Graz, 22. 02. 1886. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10903, abgerufen am 02. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10903.


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Graz, 22. Febr. 1886

Verehrter Herr Geheimrath,1

Ich sage Ihnen meinen verbindlichen Dank für die milde Behandlung die Sie mir haben angedeihen lassen; denn von Ihnen rührt doch die nicht unterzeichnete Recension meiner Schriften?2 Auf die Erwiderung des von Ihnen Vorgebrachten will ich mich hier nicht einlassen; nur glaube ich durften Sie sich nicht darüber wundern dass |2| ich mich in allgemeine Räsonnements, vulgo deductivem Beweise, bewegte, da ich ja auf den inductiven aus angesprochenen Gründen ausdrücklich verzichtet hatte. Meine Erwiderung gegen Paul ist Ihnen wohl zu Gesicht gekommen;3 als ich las dass Paul an eine auf anderer Unterlage – als auf blosse Logik – gegründeter Methodenlehre d. h. Logik glaubte, da habe ich alle Fassung verloren. Ja wie kann denn da ein gemeinsamer Boden für zwei in einem bestimmten Punkte differierende Wissenschaftler noch gewonnen werden! Dann hört ja |3| nicht die Verständigung, nein jede Möglichkeit der Verständigung auf. Ich sehe schon alle meine Einwände werden Nichts helfen, würden auch Nichts helfen, wenn sie noch besser wären; ich kämpfe gegen eine angeborene, gegen eine Ur-idee. Ein Freund, Ausländer, schrieb mir: ich kann zwar Ihre Schrift nicht lesen, aber ich glaube Sie haben Unrecht. – Ein Anderer bewundert meine Argumentation, widerlegt sie nicht, sagt aber sie hätte ihn nicht bekehrt. Und so fort. Alle diese Äusserungen sind dogmatisch gefärbt und bestärken mich darin dass ich Recht habe:

Litteraturwissenschaft ist nicht länger als National- |4| ökonomie und so viele andere Bezeichnungen aus unserer Sprache;4 welche andere würden Sie vorschlagen da ja eben von „Philologie“ abgesehen werden soll worunter Manche die Sprachwissenschaft einbegreifen?

Ich möchte gern die betreffende Nummer des Centralblattes haben; auch mein Verleger scheint sie nicht als Beleg erhalten zu haben, wenigstens schrieb ich vergeblich darum an ihn. Also hätten Sie die Güte?

Da Sie an die Infallibilität der Lautgesetze glauben, so glauben Sie, ich bitte, auch – und zwar mit mehr Recht – an die Infallibilität der Gesinnungen

Ihr treu ergebener

Hugo Schuchardt


1 Am Ende der ersten Seite der Zusatz: „Dass Scherer’s Wort gegen Sie gerichtet war wusste ich nicht; ich hätte es sonst nicht wiederholt“.

2 Rez. von Schuchardt, Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker, LCBl, 1886, col. 223-225. Die Rez. ist nicht namentlich gezeichnet. Sie endet: „Wenn der Verf. überhaupt gegen den Unterschied von physischen und psychischen Gesetzen sich auflehnt, so meinen wir, schüttet er das Kind mit dem Bade aus. Gewiß sind beide in letzter Linie nicht zu trennen, aber die Vorgänge sind doch ihrer Natur nach so abweichende, daß wir das Aufgeben des Unterschiedes ebenso ablehnen müssen, wie, wenn man von anderer Seite kürzlich die Begriffe Philologie (Schuchardt schlägt das ellenlange Wort ,Litteraturwissenschaft‘ vor) und Sprachwissenschaft wieder durcheinander zu werfen versucht hat, deren Zusammengehörigkeit im letzten Ziele gewißt auch Niemand läugnen wird. Wir freuen uns, in diesem Punkte ganz mit dem Verf. zu harmonieren“

3 Schuchardt, „Erwiderung [gegen Paul in der Frage der Lautgesetze]“, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 7, 1886, 80-83; Paul, „[Ohne Titel]“, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 7, 1886, 83-84.

4 Satzbau unklar

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Universitätsarchiv Leipzig. (Sig. NL001)