Friedrich Zarncke an Hugo Schuchardt (58-012991)

von Friedrich Zarncke

an Hugo Schuchardt

Leipzig

10. 12. 1885

language Deutsch

Zitiervorschlag: Friedrich Zarncke an Hugo Schuchardt (58-012991). Leipzig, 10. 12. 1885. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10902, abgerufen am 03. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10902.


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[ Leipzig, 10.12.1885]

Hochverehrter Herr College.1

Zunächst lassen Sie mich Ihnen meine herzliche Theilnahme zu dem schweren Verluste aussprechen, der Sie betroffen hat.2 Ich fühle es wohl mit Ihnen, daß man in solchen Lebenslagen des Gethratschens überdrüssig wird u. Alles von hohem Standpunkte aus zu betrachten gestimmt wird.

Ihr überaus interessanter langer Brief3 ist mir von der ersten bis zur letzten Zeile werthvoll, obwohl ich nur von einem gewissen Theil desselben getroffen werde. Vertheidigt habe ich mich nur gegen den Vorwurf, ich habe eine Recension zugelassen, die gegen das Abc einer verständig geschriebenen Kritik verstoßen habe. Das muß ein Redacteur zu vermeiden wissen, ein solcher Vorwurf trifft ihn selbst. Aber mir gegenüber war er ungerecht, denn die Recension präsentierte sich mir als eine formell unanstößige. Das Sachliche konnte ich ja nicht beurtheilen. Uebrigens ist Eisenhardt kein Ritschelianer.

Ueber Kritiken denke ich genau wie Sie. Unter den lebenden Gelehrten hat wohl keiner so darunter gelitten wie ich. Auch sonst kann ich Ihre allgemeinen Thesen wohl unterschreiben, bin mir auch bewußt, als ihnen entsprechend gedacht u. gehandelt zu haben.

Ihr Schriftchen4 sah ich noch nicht, kann auch vor den Weihnachtsferien |2| nicht an die Lectüre denken. Ich wußte übrigens nicht, daß Delbrück gegen jenes Gesetz Protest erhoben hätte.5 Hier ist er wie auch ich der Ansicht, daß dasselbe nur ein methodologisches ist, daß ihm genetischer Wert nicht zukommt. Auch kann ich mir denken, daß noch nach verschiedenen Wortkategorien (viel gebraucht, wenig gebraucht etc.) zu unterscheiden ist. Uebrigens aber meine ich, daß es in der Natur der Sache liegt, daß, wenn ein Laut sich in einen andern umwandelt, dies, bei absolut gleicher Lage, überall in gleicher Weise geschehen wird. Das Heikle ist nur, daß man die absolut gleiche Lage kaum je wird nachweisen können, jenes Gesetz also in keinem Falle eine Zwangsvollstreckung besitzt.

Eiligst, doch herzlichst
Ihr
aufrichtig ergebener

Fr. Zarncke

Leipzig,

d. 10. Dec. 85.


1 Antwort auf Schuchardts Brief vom 9.12.1885 ( Nl_249_007-011).

2 Tod des Vaters, vgl. Nl_249_007-011 (9.12.1885).

3 Nl_249_007-011 (9.12.1885).

4 Schuchardt, Ueber die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker, Berlin: Oppenheim, 1885. – Zur Rez. vgl. Schuchardt, nl_249_001-003 (22.2.1886).

5 Delbrück, Die neueste Sprachforschung. Betrachtungen über Georg Curtius Schrift zur Kritik der neuesten Sprachforschung, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1885.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 012991)