Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (57-NL007-011)

von Hugo Schuchardt

an Friedrich Zarncke

Gotha

09. 12. 1885

language Deutsch

Schlagwörter: Literarisches Centralblatt für Deutschland Universität Bonn Junggrammatiker Universität Jenalanguage Vulgärlateinlanguage Romanische Sprachen Schleicher, August Ritschl, Friedrich Wilhelm Mussafia, Adolf Paris, Gaston Corssen, Wilhelm Meyer, Gustav Leskien, August Schuchardt, Ernst Gotha Eyssenhardt, Franz (1866) Eyssenhardt, Franz (1882) Schuchardt, Hugo (1885) Schuchardt, Hugo (1886)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (57-NL007-011). Gotha, 09. 12. 1885. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10901, abgerufen am 03. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10901.


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Gotha, 9 Dec. 1885

Verehrther Herr,

Mein Urtheil über die Besprechung meines V. d. V. Band I im Lit. Centralblatt1 sollte Ihnen nicht zu nahe treten. Sie sind ja doch in keiner Weise für die Kritiker verantwortlich; und was die Wahl der Recensenten anlangt so war ja damals Fr. Eyssenhardt vollkommen acceptabel, er hatte nur erst den Martianus Capella verbrochen,2 seine vollständige Incompetenz über Vulgärlateinisch und Romanisch zu urtheilen hat er erst weit später durch ein eigenes Schriftchen glänzend erwiesen.3 Wenn ich nun diese Recension für eine in ihrem ersten Theil wenigstens ungerechte und hämische halte (ich habe sie mir jetzt nach so und soviel Jahren zum ersten Male wieder angesehen), so geschieht dies keineswegs weil ich etwa über mein Werk – nun nach 20 Jahren – eine günstigere Meinung |2| hätte als Andere. Ich glaube in Bezug auf meine eigene Producte immer hinlänglich bescheiden gedacht zu haben. Den zweiten Theil der Recension acceptire ich, bemerke aber dass alle Restrictionen die er enthält, in der Vorrede meines Buches selbst gegeben waren. Nun war aber auf 166 Seiten über Quellen und Quellenbenutzung und über das Vulgärlatein im Allgemeinen ausführlich gehandelt worden; musste man bis zur Vollendung des ganzen Werkes warten, um davon eine Idee und darüber ein Urtheil zu geben? Das thut aber E. nicht, er greift in der eigenthümlichsten Weise (sein erster Satz lässt vermuthen dass er das Thema meines ganzen Werkes angibt) eine einzige Stelle, den Anfang des vierten Kapitels heraus, und rügt dabei den Schematismus, der mir von Schleicher4 her noch anhaftete. Aus Alle dem methodisch und mate- |3| riellen Reichen und Neuen der 166 Seiten nun Eines und zwar etwas ganz Nebensächliches herausgenommen, und nur getadelt, nicht gelobt, so weit die Einleitung in Betracht kommt! Ich gestehe es ganz offen – Ihre Vertheidigung von E.s Recension hat mich verwundert und gekränkt. Freilich wissen Sie nicht was mit dieser Recension Alles in Zusammenhang stand. Ich war Schüler Ritschl’s,5 den ich hoch verehrte und stets verehre; ich glaube wenigstens in diesem Kreise auf einige Anerkennung zu rechnen. Aber gerade die Ritschel’sche Schule erwies sich mir beim Erscheinen des Buches durchaus feindselig – nicht etwa weil ich ein dürres Reis, sondern weil ich ein selbständiges Reis an dem mächtigen Stamm war, wie aus Briefen Ritschls an mich (anlässlich der Widmung) unverkennbar hervorgeht.6 Ich wurde von E.‘s Abfertigung abgesehen geradezu todtgeschwiegen; in Folge dessen entsagte ich der klassischen |4| Philologie und hätte wahrscheinlich aller Philologie entsagt, wäre mir nicht damals von Seiten der Romanisten – und zwar der auswärtigen wie Mussafia und G. Paris, Ermuthigung zugekommen. Wenn ich damals mich nicht gerührt habe, wenn ich z. B. auch manche ungerechte Ausstellungen Corssen’s7 unberücksichtigt gelassen habe, wenn noch vor nicht langer Zeit ein keineswegs befreundeter Romanist von mir sagte dass ich es mir nicht angelegen sein lasse, meine Prioritätsrechte in wissenschaftlichen Dingen zu wahren – so darf ich wohl Glauben verdienen wenn ich meine, ich stehe jetzt meinem Werke mit kühler Objectivität gegenüber. Und ferner darf ich auch behaupten dass ich über irgend ein Buch von demselben Kaliber wie das meinige, mich nie annähernd in einer solchen Weise ausgesprochen habe wie das E. über den V. d. V. gethan hat; ich habe sehr strenge Kritiken geschrieben, aber nur wo mir Prätension, Oberflächlichkeit, völlige Unzulänglichkeit entgegengetreten sind, und wenn irgend überhaupt wissenschaftlicher Gehalt vorhanden war, da bin ich auf alles Wesentliche eingegangen. Es wäre mir nicht möglich die Methode |5| eines Autors dadurch zu verdächtigen dass ich von Hundert Eines und das Allernebensächlichste herausgriffe.

Seitdem ich mit Ritschl auseinandergekommen bin habe ich eine grosse Abneigung gegen Alles was Schule heisst. Durch die Bildungen solcher Schulen wie die Ritschl’sche wird die Wissenschaft nicht so sehr gefördert wie die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit Einbusse erleiden. Ich kann durchaus nicht zugeben dass Meinungsverschiedenheiten in wissenschaftlichen Dingen zu persönlichen Spaltungen führen müssen. Wenn ich gegen die Junggrammatiker schreibe, so heisst das selbstverständlich nur gegen ihre wissenschaftliche Theorie; meine freundschaftliche Gesinnung für diejenigen unter ihnen mit denen ich in näherer Berührung gestanden habe, bleibt vollständig unverändert. Auf S. 35 meines Schriftchens und in der Widmung (Meyer ist übrigens schon bekehrt) liegt das deutlich ausgesprochen.8 Ich weiss also nicht wie Sie – als Referatvergeber – zwischen mich und Leskien zu stehen kommen können. Mir ist ja alles Eins, ich verlange nicht einmal, was |6| ja in dergleichen Fällen als billiges Verlangen betrachtet wird, dass die Recension von Jemandem der nicht von vornherein als der entgegengesetzten Ansicht zugethan erscheint, verfasst werde. Ich kann mir nämlich nicht denken – vielleicht kommt Ihnen das recht unbescheiden vor – dass meine Argumente, die ich meistens viele Jahre mit mir herumgetragen habe, ganz werthlos seien. Bedenken Sie nur dass Leskien, der Vater der Junggrammatiker zwar nachdrücklich aber doch nur gelegentlich jenes Axiom aufstellte, ohne Beweis ohne Ausführung. Meines Wissens ist er selbst nie wieder darauf zurückgekommen (in seinen Schriften); wenn er wie mir Delbrück kürzlich schrieb,9 mit dessen Darstellung einverstanden ist, so muss sich seine Ansicht seit 1876 doch wesentlich geändert haben. Nun, darüber liesse sich noch viel sagen; so viel aber glaube ich dass diese Sache Ihnen keine besondere Verlegenheit bereiten wird. Sagen Sie mir beiläufig doch, ob meine Schrift Sie selbst auch nicht im Geringsten in Ihrer Ueberzeugung erschüttert hat.

Der Tod meines Vaters10 hat mich auf einige Zeit nach Gotha zurückgeführt. Sie dürfen nicht voraussetzen dass meine Stimmung desswegen eine besonders empfindliche sei. In solchen Zeiten aber neigt man besonders dazu die Dinge von einem möglichst hohen Standpunkt zu betrachten, man will das allgemein Menschliche nicht durch das Wissenschaftliche, alte Freundschaften nicht durch theoretische Abweichungen getrübt sehen.

Mit besten Grüssen
Ihr ergebener

H. Schuchardt

Am unteren Rand von S. 4: Ich werde vielleicht demnächst Ihnen die Besprechung einer magyar. Schrift „Von wem lernten die Magyaren schreiben und lesen?“11 zusenden, falls sie nicht zu lang wird; passt sie Ihnen von vornherein nicht, so winken Sie nur ab.


1 Die in einigen Punkten durchaus bedenkenswerte Rez. steht in LCBl 1866, Nr. 50 (8. December), Sp. 1329-1330. Sie ist nicht namentlich gekennzeichnet. Sp. 1330 heißt es: „Ein erschöpfendes Urtheil über dieses Werk wird sich erst nach Vollendung desselben und Einsicht der S. XII versprochenen zahlreichen Nachträge geben lassen. Niemand wird leugnen, daß der Verfasser mit dem größten Fleiße und reicher Belesenheit zusammengetragen hat, was er in den gegenwärtig vorliegenden Quellen für seine Zwecke brauchbar fand. Aber die Hauptquellen fehlen. Dies sind nicht die ältesten unserer Handschriften, schon weil es bei den meisten derselben erst wieder in jedem einzelnen Falle einer Untersuchung bedarf, in wiefern sprachliche und orthographische Abweichungen auf den Schreiber der Handschrift oder auf sein Original zurückzuführen sind, resp. in welcher Zeit das Original geschrieben ist, sondern ohne alle Zweifel die Inschriften, von denen bis jetzt erst ein verhältnismäßig sehr geringfügiger Bruchtheil so ediert ist, daß in orthographischen Dingen Sicherheit stattfindet. Die für die ältere Zeit so unendlich wichtigen pompejanischen Wandinschriften sind ja jetzt so gut wie noch nicht vorhanden, und für die spätere Zeit und das Verhältniß des Latein zu den Provinzialsprachen und die Aenderungen, die es unter deren Einfluß erlitten hat, werden erst die zahllosen Steininschriften der Forschung die wahre Grundlage verschaffen“. [Die Rez. ist in HSA nicht vermerkt].

2 Franz Eyssenhardt, Martianus Capella accedunt scholia in Caesaris Germanici Aratea, Leipzig: Teubner, 1866.

3 Franz Eyssenhardt, Roemisch und Romanisch: ein Beitrag zur Sprachgeschichte, Berlin: Borntraeger, 1882.

4 August Schleicher (1821-1868), bedeutender deutscher Sprachwissenschaftler und Indogermanist, zuletzt Professor in Jena. Schuchardt hatte bei ihm als Bonner Student gehört.

5 Friedrich Wilhelm Ritschl (1806-1876), Klass. Philologe, Prof. in Bonn; vgl. HSA 09669-09671.

6 Es sind im HSA leider nur zwei Briefe Ritschls an Schuchardt überliefert. Brief 2-9670 (19.3.1866) kann nur als eine kühle „Abfuhr“ gedeutet werden!

7 Wilhelm Paul Corssen (1820-1875), Klass. Philologe und Sprachwissenschaftler, Privatgelehrter in Berlin. Vgl. z.B. Schuchardts Brief (30.4.1870) an Mussafia (HSA 5-SM3).

8 Schuchardt, Ueber die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker, Berlin: Oppenheim, 1885. Zwar ist auf S. 35 von einer Widmung die Rede, die sich aber im Buch selber nicht findet.

9 Berthold Delbrück (1842-1922), deutscher Sprachwissenschaftler, Prof. in Jena; vgl. HSA 02271-02273.

10 Ernst Julius Schuchardt, herzoglicher Notar in Gotha, verstarb am 2. Dezember 1885 in Gotha.

11 Schuchardt, „[Rez. von:] Ásbóth Oszkár, Szlávság a magyar keresztény terminologiában; Volf György, Kiktől tanúlt a magyar írni, olvasni? (A régi magyar orthographia kulcsa)“, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 7, 1885, 152–157.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Universitätsarchiv Leipzig. (Sig. NL007)