Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (52-NL100-102)

von Hugo Schuchardt

an Friedrich Zarncke

Graz

02. 01. 1885

language Deutsch

Schlagwörter: Literaturblatt für germanische und romanische Philologie Literarisches Centralblatt für Deutschlandlanguage Mailändisch Miklosich, Franz von Leskien, August Gabelentz, Hans Georg Conon von der Graz Schuchardt, Hugo (1885) Salvioni, Carlo (1884) Schuchardt, Hugo (1885)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (52-NL100-102). Graz, 02. 01. 1885. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10896, abgerufen am 03. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10896.


|1|

Graz, 2 Jänner
1885

Verehrtester Herr,

Ich stehe seit langem in Ihrem Schuldbuch, aber nicht ganz durch meine Schuld. Als ich nach Graz kam, gab ich das regelrechte Recensiren auf, wollte nur nach meinem bon plaisir dann und wann etwas was mir auf dem Wege lag, abthun und zwar in ausführlicherer Weise. Dazu ergab sich mir später das Litteraturblatt als stets geneigtes Organ, und das bedeutete durchaus nicht daß meine Sympathie für das Centralblatt (wie für alles Leipzigerische) abgenommen hätte. Als Sie mir nach sehr langer Pause die kleine Schrift von Rösiger übersandten,1 war ich gern bereit sie anzuzeigen; die Schrift über den Mailänder Dialekt aber hat mich wegen des Umfanges geradezu erschreckt.2 Alles kostet mir so viel Zeit weil |2| ich mich in Alles vertiefe; ich verstehe es nicht Etwas rasch abzuthun. Nun mußte ich aber eine schon vorher begonnene Arbeit die Miklosich zu seinem fünfzigjährigen Geburtstag gewidmet war, nachdem sie verschiedentlich unterbrochen worden war, endlich abschließen und ließ daher alles Andere, auch das Ihnen Versprochene, vollkommen liegen. Nun ist jene Schrift vollendet; ich habe sofort darauf die Recension von Rösiger geschrieben, die anbei folgt.3 Ich füge die Anzeige einer russischen Broschüre bei (in Ihrer russophilen Stadt haben Sie ja wohl russische Typen?).4 Um Correctur der beiden Anzeigen bitte ich ergebenst. Für den mailändischen Dialect interessire ich mich augenblicklich gar nicht und wäre es mir sehr lieb, wenn Sie mich von der Besprechung des umfänglichen (??) Buches dispensirten.

Ich schicke Ihnen heute unter Creuzband den Sündenbock, |3| nämlich mein „Slawo=deutsches und Slawo=italienisches“. Sie werden hoffentlich keine Rache üben, sondern recht bald eine wenn auch nur kurze Anzeige dieser verspäteten, auf eigene Kosten gedruckten und wegen ihres Formats etwas schwer beweglichen Schrift bringen. Zunächst wäre wohl an Leskien5 zu denken, den ich ja auch als Freund schätze; aber er gleicht mir in Bezug auf Recensirfaulheit allzusehr. Gabelentz zeigt recht fleißig an; und wenn ich nicht irre, hatte ich ihm auch ein Exemplar der Schrift versprochen. Ich habe aber nicht so viele um sie nach rechts und links wegzuschicken. Wollen Sie also vielleicht Gabelentz6 fragen ob er geneigt ist, die Schrift zu recensiren? Er kann, womit mir am meisten gedient ist, das Gewicht auf das allgemeine Problem der Sprachmischung legen. Sonst |4| ließe sie sich auch vom germanistischen Standpunkt aus betrachten.

Ich leide an einer Sehnenverdrehung des rechten Zeigefingers; verzeihen Sie meine schlechte Schrift, welche wiederum meinen Stift ungünstig beeinflußt.

Bei Gelegenheit des Neuen Jahres wünsche ich Ihnen das Allerbeste und bitte Sie, mich Ebert, Curtius, Credner7 u.s.w. wenn Sie sie sehen, zu empfehlen.

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr ganz ergebener

H. Schuchardt


1 Schuchardt, „[Rez. von:] Rösiger, Dr. Alban, Neu-Hengstett, (Bųrsẹ̄́t), Geschichte und Sprache einer Waldenser Colonie in Württemberg“, LCBl 36, 1885, 311-312.

2 Carlo Salvioni, Fonetica del dialetto moderno della città di Milano. Dissertazione linguistica presentata alla Facoltà di filosofia dell'Università di Lipsia, Roma: Loescher, 1884; 3 Bl., 305 S.

3 Schuchardt, „[Rez. von:] Rösiger, Dr. Alban, Neu-Hengstett, (Bųrsẹ̄́t), Geschichte und Sprache einer Waldenser Colonie in Württemberg“, LCBl 36, 1885, 311-312.

4 Schuchardt, „[Rez. von:] Aлексаηдров Суόстуτьі Оτдђдьньіχ Эвγкηв“, LCBl 36, 1885, 352-353.

5 August Leskien (1840-1916), deutscher Indogermanist und Slavist, seit 1870 Professor in Leipzig; vgl. HSA 06419-06438.

6 Georg von der Gabelentz (1840-1893), bedeutender Sprachwissenschaftler und Sinologe; vgl. HSA 03204-03210. Er hat in der Tat rezensiert: G. v. d. G., LCBl 1885 (31. Oktober), 1552-1553 (diese Angabe fehlt in HSA).

7 Adolf Ebert, Georg Curtius, Karl Hermann Credner: Leipziger Kollegen Zarnckes.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Universitätsarchiv Leipzig. (Sig. NL100)