Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (49-NL015-017)

von Hugo Schuchardt

an Friedrich Zarncke

Graz

10. 10. 1881

language Deutsch

Schlagwörter: Keltistik Göttingische Gelehrte Anzeigen Literarisches Centralblatt für Deutschland Windisch, Ernst Zimmer, Heinrich Graz Zimmer, Heinrich (1881–1884) Schuchardt, Hugo (1881) Schuchardt, Hugo (1881–1883) Stokes, Whitley, /Windisch, Ernst (1880–1909) Zimmer, Heinrich (1881)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (49-NL015-017). Graz, 10. 10. 1881. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10893, abgerufen am 02. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10893.


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Graz 10 Okt. 1881

Verehrtester Herr Geheimer Rath!

Von meiner Badereise1 zurückgekehrt, habe ich Zimmer’s Celtische Studien vorgefunden und den harten Schlag in Windisch’s Seele gefühlt.2 Die einzelnen Ausstellungen, die Z. macht, sind so weit ich sehe, richtig;3 die allgemeinen Schlußfolgerungen, die er daraus zieht, äußerst übertrieben. In einem Punkte allerdings, in welchem ich keine Kontrolle üben konnte, aber doch ein dunkles Gefühl der Unbefriedigtheit hegte, hat sich Windisch arg vergangen, in der Gestaltung des Textes auf der handschriftlichen Grundlage. Daß er das Neuirische so sehr vernachlässigt hat (mit dem sogar ich mich näher beschäftigt habe), war mir immer aufgefallen. Doch über dies und Anderes zu reden, würde jetzt nicht am Platze sein. Was mich |2| veranlaßt Ihnen zu schreiben, ist die Form des Zimmerschen Buches. Ich kann mich nicht entsinnen, seitens eines Gelehrten, der Namen und Verdienste besitzt, eine ihrer Gesinnung nach so boshafte, ihrem Ton nach so rohe Kundgebung gelesen zu haben. Da ich, wenn auch einzig und allein wegen meines an Windisch zugesandten Lobes, ebenfalls angegriffen werde, so habe ich eine, allerdings nicht ganz kurze Erklärung aufgesetzt, die ich Sie dringend bitte, im L. C. möglichst bald abdrucken zu lassen. Sie werden eine Gunst, wie Sie sie unter solchen Umständen zu gewähren pflegen, mir um so weniger versagen,4 da ich, wie Sie wissen, wegen meiner nicht genügenden Competenz die Besprechung nicht ohne Bedenken übernommen habe.

Die Glosse hibernicae, deren Anzeige ich theils wegen Krankheit |3| und Bedenken, theils wegen anderer Arbeiten, theils um das erste Heft der Keltischen Studien abzuwarten, hinausgeschoben hatte, werde ich nun nicht im L. C. besprechen,5 bitte mir also das Buch in Rechnung zu setzen; ich weiß augenblicklich den Preis desselben nicht. Ich würde mich nur lobend haben äußern können – denn Zimmer ist allerdings ein eminenter Kerl – und das hätte doch jetzt keinen Sinn, wo mir Zimmer sagt, daß ich von solchen Dingen Nichts verstehe.

Mit herzlichstem Gruße
Ihr ergebenster

H Schuchardt.

Bitte mir also das Buch in Rechnung zu setzen; ich weiß augenblicklich den Preis desselben nicht.


1 Im damaligen Herzogtum Nassau gab es zahlreiche Heilquellen.

2 Heinrich Zimmer (1851-1910), deutscher Keltologe, hatte Windischs Arbeit in Grund und Boden rezensiert: „Keltische Studien. 1. Irische Texte mit Wörterbuch von E. Windisch, Berlin: Weidmann, 1881“, GgA 22 / 23, 31. Mai u. 7. Juni 1882, 673-736. Schuchardt verteidigt seine eigene, überwiegend positive Rez. mit der Replik „ Erklärung“, LCBl 32, 1881, 1595-1596. Vgl. weiterhin Schuchardt, „ Zimmeriana“, Revue Celtique 5, 1882, 394-396.

3 Mit dieser Aussage dementiert Schuchardt sein Lob Windischs, denn seine Rezension endete: „Allen herzlichen Dank, den wir Windisch für das Geleistete schulden, alle frische Zuversicht, die er uns eingeflößt hat, können wir nicht besser zusammenfassen, als in den alten, leicht abgeänderten Hymnenvers: Ro fhoided dún diar forlacht, rop reid remunn cech n-amreid!“ – Vgl. zur Erklärung HSA 018-03225 (Henri Gaidoz an Schuchardt, edd. Magdalena Rattey), ed. Anm. 5: „In den Göttingischen Gelehrten Anzeigen vom 31. Mai und 7. Juni 1882 befindet sich die Anzeige von Heinrich Zimmer (S. 673-736) zu seinen Keltischen Studien. Erstes Heft: Irische Texte mit Wörterbuch von E. Windisch. Im vorletzten Paragraphen (S. 736) wird Schuchardt erwähnt: „(…) man beachte, daß H. Sch.ch.rd im Litterarischen CentralblattWindisch’s Irische Texte als eine That wie die Grammatica Celtica feierte, seine von überschwänglichem Preis strotzende Anzeige mit der Blasphemie schloß: Ro fhoided dún diar fortacht, rop reid remunn cech n-amreid ‚er ward uns zu unserer Hülfe gesandt, möge alles Unebene vor uns eben werden‘ (…)“.

4 Schuchardt, „ Erklärung“, LCBl 32, 1881, 1595-1596. Schuchardt geht auf die sachlichen Vorwürfe, die Zimmer gegen Windisch erhebt, nicht ein.

5 Heinrich Zimmer, Glossae Hibernicae e codicibus Wirziburgensi Carolisruhensibus aliis; adiuvante Academiae Regiae Berolinensis liberalitate. Accedit specimen scripturae e codice Wirziburgensi, Berlin: Weimann, 1881.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Universitätsarchiv Leipzig. (Sig. NL015)